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FÜNFTES KAPITEL

Karma-yoga – Handeln im Kṛṣṇa-Bewußtsein

Text

arjuna uvāca
sannyāsaṁ karmaṇāṁ kṛṣṇa
punar yogaṁ ca śaṁsasi
yac chreya etayor ekaṁ
tan me brūhi su-niścitam

Synonyms

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; sannyāsam — Entsagung; karmaṇām — aller Tätigkeiten; kṛṣṇa — o Kṛṣṇa; punaḥ — wieder; yogam — hingebungsvoller Dienst; ca — auch; śaṁsasi — Du lobst; yat — welches; śreyaḥ — ist segensreicher; etayoḥ — dieser beiden; ekam — eines; tat — dieses; me — mir; brūhi — bitte sage; su-niścitam — eindeutig.

Translation

Arjuna sagte: O Kṛṣṇa, zuerst forderst du mich auf, aller Tätigkeit zu entsagen, und dann wieder empfiehlst Du mir, in Hingabe zu handeln. Bitte sage mir nun eindeutig, was von beiden segensreicher ist.

Purport

ERLÄUTERUNG: Im Fünften Kapitel der Bhagavad-gītā sagt der Herr, daß Handeln im hingebungsvollen Dienst besser ist als trockene mentale Spekulation. Hingebungsvoller Dienst ist einfacher als mentale Spekulation, weil er einen aufgrund seiner transzendentalen Natur von materiellen Reaktionen befreit. Im Zweiten Kapitel wurde das elementare Wissen über die Seele und ihre Verstrickung in den materiellen Körper erklärt. In diesem Zusammenhang wurde auch beschrieben, wie man sich durch buddhi-yoga, das heißt durch hingebungsvollen Dienst, aus der materiellen Gefangenschaft befreien kann. Im Dritten Kapitel wurde erklärt, daß jemand, der sich auf der Ebene des Wissens befindet, keinerlei Pflichten mehr zu erfüllen hat. Und im Vierten Kapitel sagte der Herr zu Arjuna, daß alle Arten von Opfern in Wissen gipfeln. Am Ende des Vierten Kapitels jedoch gab der Herr Arjuna den Rat, aufzuwachen und zu kämpfen, da er jetzt über vollkommenes Wissen verfüge. Weil Kṛṣṇa gleichzeitig die Wichtigkeit von Handeln in Hingabe und Nichthandeln in Wissen betont hatte, war Arjuna verwirrt, und seine Entschlossenheit geriet ins Wanken. Unter Entsagung in Wissen versteht Arjuna, daß man alle Arten von Arbeit, die als Sinnestätigkeiten ausgeführt werden, einstellt. Aber wie kann man aufhören, tätig zu sein, wenn man Arbeit im hingebungsvollen Dienst verrichtet? Mit anderen Worten, er glaubt, Entsagung in Wissen (sannyāsa) müsse völlig frei sein von jeglicher Art des Handelns, denn Handeln und Entsagung erscheinen ihm unvereinbar. Er scheint nicht verstanden zu haben, daß Handeln in völligem Wissen keine Reaktionen zur Folge hat und daher das gleiche ist wie Nichthandeln. Er fragt deshalb, ob er ganz aufhören soll zu handeln oder ob es besser sei, in vollkommenem Wissen zu handeln.

Text

śrī-bhagavān uvāca
sannyāsaḥ karma-yogaś ca
niḥśreyasa-karāv ubhau
tayos tu karma-sannyāsāt
karma-yogo viśiṣyate

Synonyms

śrī-bhagavān uvāca — die Persönlichkeit Gottes sprach; sannyāsaḥ — Entsagung des Handelns; karma-yogaḥ — Handeln in Hingabe; ca — auch; niḥśreyasa-karau — führen zum Pfad der Befreiung; ubhau — beide; tayoḥ — von den zweien; tu — aber; karma-sannyāsāt — im Vergleich zur Entsagung fruchtbringender Tätigkeiten; karma-yogaḥ — Handeln in Hingabe; viśiṣyate — ist besser.

Translation

Die Persönlichkeit Gottes sprach: Sowohl Entsagung des Handelns als auch Handeln in Hingabe führen zu Befreiung. Doch von diesen beiden ist hingebungsvoller Dienst besser als die Entsagung aller Tätigkeiten.

Purport

ERLÄUTERUNG: Fruchtbringende Tätigkeiten (mit dem Ziel der Sinnenbefriedigung) sind die Ursache für materielle Knechtschaft. Solange man Tätigkeiten nachgeht, die das Ziel haben, die körperlichen Annehmlichkeiten zu verbessern, muß man von einem Körper zum anderen wandern und damit seine Gefangenschaft in der Materie unaufhörlich fortsetzen. Das Śrīmad-Bhāgavatam (5.5.4–6) bestätigt dies wie folgt:

nūnaṁ pramattaḥ kurute vikarma
yad indriya-prītaya āpṛṇoti
na sādhu manye yata ātmano ’yam
asann api kleśa-da āsa dehaḥ
parābhavas tāvad abodha-jāto
yāvan na jijñāsata ātma-tattvam
yāvat kriyās tāvad idaṁ mano vai
karmātmakaṁ yena śarīra-bandhaḥ
evaṁ manaḥ karma-vaśaṁ prayuṅkte
avidyayātmany upadhīyamāne
prītir na yāvan mayi vāsudeve
na mucyate deha-yogena tāvat

„Die Menschen sind verrückt nach Sinnenbefriedigung, und sie wissen nicht, daß ihr gegenwärtiger, leidvoller Körper das Ergebnis fruchtbringender Tätigkeiten der Vergangenheit ist. Obwohl dieser Körper zeitweilig ist, bereitet er uns ständig in vieler Hinsicht Schwierigkeiten. Deshalb ist es nicht gut, für Sinnenbefriedigung zu handeln. Das Leben gilt als Fehlschlag, wenn man es versäumt, sich Fragen über seine wahre Identität zu stellen. Solange man nicht seine wahre Identität kennt, ist man gezwungen, für fruchttragende Ergebnisse zu handeln, damit man sich seine Wünsche nach Sinnenbefriedigung erfüllen kann. Und solange man in das Bewußtsein der Sinnenbefriedigung vertieft ist, muß man von einem Körper zum nächsten wandern. Selbst wenn der Geist von fruchtbringenden Tätigkeiten in Anspruch genommen ist und von Unwissenheit beeinflußt wird, muß man Liebe für den hingebungsvollen Dienst Vāsudevas entwickeln. Nur dann hat man die Möglichkeit, von der Fessel des materiellen Daseins frei zu werden.“

Daher reicht jñāna (das Wissen, daß man nicht der materielle Körper, sondern spirituelle Seele ist) für Befreiung nicht aus. Man muß als spirituelle Seele handeln, sonst gibt es kein Entkommen aus der materiellen Knechtschaft. Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein befinden sich jedoch nicht auf der fruchtbringenden Ebene. In vollkommenem Wissen ausgeführte Tätigkeiten erlauben es einem, den Fortschritt in wirklichem Wissen zu stärken. Bloße Entsagung fruchtbringender Tätigkeiten, ohne Kṛṣṇa-Bewußtsein, läutert das Herz einer bedingten Seele im Grunde nicht, und solange das Herz nicht geläutert ist, muß man auf der fruchtbringenden Ebene handeln. Aber wenn man sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein betätigt, kann man automatisch den Ergebnissen fruchtbringender Tätigkeiten entkommen, so daß man nicht wieder Tätigkeiten auf der materiellen Ebene aufzunehmen braucht. Daher ist Handeln im Kṛṣṇa- Bewußtsein stets höher einzustufen als bloße Entsagung, bei der immer die Gefahr besteht, wieder zu Fall zu kommen. Entsagung ohne Kṛṣṇa- Bewußtsein ist unvollkommen, wie Śrīla Rūpa Gosvāmī in seinem Bhakti-rasāmṛta-sindhu (1.2.258) bestätigt:

prāpañcikatayā buddhyā
hari-sambandhi-vastunaḥ
mumukṣubhiḥ parityāgo
vairāgyaṁ phalgu kathyate

„Wenn nach Befreiung strebende Menschen Dingen entsagen, von denen sie denken, sie seien materiell, die in Wirklichkeit aber mit der Höchsten Persönlichkeit Gottes in Beziehung stehen, so nennt man dies unvollkommene Entsagung.“ Entsagung ist vollkommen, wenn sie in dem Wissen ausgeübt wird, daß alles Existierende dem Herrn gehört und daß daher niemand irgend etwas als sein Eigentum beanspruchen sollte. Man sollte verstehen, daß in Wirklichkeit niemandem etwas gehört. Wie kann man also einer Sache entsagen, die einem gar nicht gehört? Jemand, der sich immer darüber bewußt ist, daß alles Kṛṣṇas Eigentum ist, beweist vollkommene Entsagung. Da alles Kṛṣṇa gehört, sollte alles in Kṛṣṇas Dienst gestellt werden. Diese vollkommene Handlungsweise im Kṛṣṇa- Bewußtsein ist weitaus besser als jedes Maß an künstlicher Entsagung von einem sannyāsī der Māyāvādī-Schule.

Text

jñeyaḥ sa nitya-sannyāsī
yo na dveṣṭi na kāṅkṣati
nirdvandvo hi mahā-bāho
sukhaṁ bandhāt pramucyate

Synonyms

jñeyaḥ — sollte gekannt werden; saḥ — er; nitya — immer; sannyāsī — jemand, der Entsagung übt; yaḥ — der; na — niemals; dveṣṭi — verabscheut; na — und nicht; kāṅkṣati — wünscht; nirdvandvaḥ — frei von aller Dualität; hi — gewiß; mahā-bāho — o Starkarmiger; sukham — glücklich; bandhāt — von Bindung; pramucyate — wird völlig befreit.

Translation

Wer die Früchte seiner Tätigkeiten weder haßt noch begehrt, ist immer in Entsagung verankert. Ein solcher Mensch, befreit von aller Dualität, überwindet leicht die materielle Knechtschaft und ist völlig befreit, o starkarmiger Arjuna.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wer im Kṛṣṇa-Bewußtsein fest verankert ist, ist immer entsagungsvoll, weil er die Ergebnisse seiner Tätigkeiten weder haßt noch begehrt. Solch ein entsagungsvoller Mensch, der sich dem transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn geweiht hat, verfügt über vollkommenes Wissen, da er seine wesensgemäße Stellung in Beziehung zu Kṛṣṇa kennt. Er weiß sehr wohl, daß Kṛṣṇa das Ganze und daß er ein winziger Teil Kṛṣṇas ist. Dieses Wissen ist vollkommen, weil es die qualitative und quantitative Beziehung des Lebewesens zum Höchsten richtig beschreibt. Zu glauben, das Lebewesen sei mit Kṛṣṇa eins, entspricht nicht der Wahrheit, denn der Teil kann niemals dem Ganzen ebenbürtig sein. Jemand, der erkennt, daß er qualitativ mit Kṛṣṇa eins, doch quantitativ von Ihm verschieden ist, besitzt korrektes transzendentales Wissen, und dieses Wissen führt den Menschen zu innerer Erfüllung, so daß es für ihn nichts mehr gibt, wonach er strebt und worüber er klagt. In seinem Geist gibt es keine Dualität, denn alles, was er tut, tut er für Kṛṣṇa. Wer auf diese Weise von allen Dualitäten frei geworden ist, befindet sich – sogar in der materiellen Welt – auf der befreiten Stufe.

Text

sāṅkhya-yogau pṛthag bālāḥ
pravadanti na paṇḍitāḥ
ekam apy āsthitaḥ samyag
ubhayor vindate phalam

Synonyms

sāṅkhya — analytisches Studium der materiellen Welt; yogau — Handeln im hingebungsvollen Dienst; pṛthak — verschieden; bālāḥ — die Unintelligenten; pravadanti — sagen; na — niemals; paṇḍitāḥ — die Gelehrten; ekam — in einem; api — sogar; āsthitaḥ — sich befindend; samyak — vollständig; ubhayoḥ — von beiden; vindate — genießt; phalam — das Ergebnis.

Translation

Nur die Unwissenden sagen, hingebungsvoller Dienst [karma-yoga] sei etwas anderes als das analytische Studium der materiellen Welt [sāṅkhya]. Diejenigen, die wahrhaft gelehrt sind, erklären, daß jemand, der sich vollständig einem dieser Pfade widmet, die Ergebnisse beider erreicht.

Purport

ERLÄUTERUNG: Das Ziel des analytischen Studiums der materiellen Welt besteht darin, die Seele aller Existenz zu finden. Die Seele der materiellen Welt ist Viṣṇu, die Überseele. Wer dem Herrn hingebungsvollen Dienst darbringt, dient damit auch der Überseele. Der eine Vorgang besteht darin, die Wurzel des Baumes zu finden, und der andere darin, die Wurzel zu bewässern. Der wahre Student der sāṅkhya-Philosophie findet die Wurzel der materiellen Welt, Viṣṇu, und dann beschäftigt er sich in vollkommenem Wissen in dessen Dienst. Daher besteht im wesentlichen kein Unterschied zwischen diesen beiden Pfaden, denn das Ziel beider ist Viṣṇu. Diejenigen, die das endgültige Ziel nicht kennen, sagen, die Ziele von sāṅkhya und karma-yoga seien voneinander verschieden, doch jemand, der gelehrt ist, kennt das gemeinsame Ziel dieser verschiedenen Vorgänge.

Text

yat sāṅkhyaiḥ prāpyate sthānaṁ
tad yogair api gamyate
ekaṁ sāṅkhyaṁ ca yogaṁ ca
yaḥ paśyati sa paśyati

Synonyms

yat — was; sāṅkhyaiḥ — mittels sāṅkhya-Philosophie; prāpyate — wird erreicht; sthānam — Stellung; tat — diese; yogaiḥ — durch hingebungsvollen Dienst; api — auch; gamyate — man kann erreichen; ekam — eins; sāṅkhyam — analytisches Studium; ca — und; yogam — Tätigkeit in Hingabe; ca — und; yaḥ — jemand, der; paśyati — sieht; saḥ — er; paśyati — sieht wirklich.

Translation

Jemand, der weiß, daß man die Stellung, die man durch das analytische Studium erreicht, auch durch hingebungsvollen Dienst erreichen kann, und der daher erkennt, daß sich das analytische Studium und der hingebungsvolle Dienst auf derselben Ebene befinden, sieht die Dinge so, wie sie sind.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der wahre Zweck philosophischen Forschens besteht darin, das endgültige Ziel des Lebens zu finden. Weil das endgültige Ziel des Lebens Selbstverwirklichung ist, unterscheiden sich die Schlußfolgerungen der beiden oben erwähnten Vorgänge nicht voneinander. Durch die philosophische Forschung des sāṅkhya gelangt man zu der Schlußfolgerung, daß das Lebewesen nicht ein Bestandteil der materiellen Welt, sondern ein Teil des höchsten spirituellen Ganzen ist. Folglich hat die spirituelle Seele nichts mit der materiellen Welt zu tun; ihre Handlungen müssen irgendwie in Beziehung zum Höchsten stehen. Erst wenn sie im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, nimmt sie ihre wesensgemäße Stellung ein. Durch den ersten Vorgang, sāṅkhya, muß man sich von der Materie lösen, und durch den yoga-Vorgang der Hingabe muß man Anhaftungen an Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein entwickeln. Im Grunde sind beide Vorgänge gleich, obwohl oberflächlich betrachtet der eine Loslösung und der andere Anhaftung mit sich bringt. Loslösung von Materie und Anhaftung an Kṛṣṇa sind jedoch das gleiche. Wer das verstehen kann, sieht die Dinge, wie sie sind.

Text

sannyāsas tu mahā-bāho
duḥkham āptum ayogataḥ
yoga-yukto munir brahma
na cireṇādhigacchati

Synonyms

sannyāsaḥ — der Lebensstand der Entsagung; tu — aber; mahā-bāho — o Starkarmiger; duḥkham — Leid; āptum — man wird getroffen von; ayogataḥ — ohne hingebungsvollen Dienst; yoga-yuktaḥ — wer sich im hingebungsvollen Dienst beschäftigt; muniḥ — ein Denker; brahma — den Höchsten; na cireṇa — ohne Verzug; adhigacchati — erreicht.

Translation

Wer bloß allen Tätigkeiten entsagt und sich nicht im hingebungsvollen Dienst des Herrn beschäftigt, kann nicht glücklich werden. Aber ein besonnener Mensch, der hingebungsvollen Dienst ausführt, kann den Höchsten unverzüglich erreichen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Es gibt zwei Klassen von sannyāsīs, Menschen im Lebensstand der Entsagung. Die Māyāvādī-sannyāsīs sind mit dem Studium der sāṅkhya-Philosophie beschäftigt, während die Vaisṇava-sannyāsīs die Bhāgavatam-Philosophie studieren, die den richtigen Kommentar zu den Vedānta-sūtras liefert. Auch die Māyāvādī-sannyāsīs studieren die Vedānta-sūtras, benutzen dabei jedoch ihren eigenen Kommentar, den Śārīraka-bhāṣya, der von Śaṅkarācārya verfaßt wurde. Die Anhänger der Bhāgavata-Schule betätigen sich gemäß den pāñcarātrikī-Vorschriften im hingebungsvollen Dienst des Herrn, und daher gibt es für die Vaiṣṇava-sannyāsīs in diesem transzendentalen Dienst immer viele Beschäftigungen. Die Vaiṣṇava-sannyāsīs haben nichts mit materiellen Tätigkeiten zu tun, und dennoch führen sie in ihrem hingebungsvollen Dienst zum Herrn verschiedenste Tätigkeiten aus. Die Māyāvādī- sannyāsīs hingegen, die sich mit dem Studium von sāṅkhya und Vedānta und mit Spekulation befassen, können den transzendentalen Dienst des Herrn nicht kosten. Weil ihre Studien mit der Zeit sehr langweilig und fade werden, werden sie es müde, über das Brahman zu spekulieren, und suchen deshalb beim Bhāgavatam Zuflucht, ohne es jedoch richtig zu verstehen. Folglich wird es für sie sehr schwierig, das Śrīmad-Bhāgavatam zu studieren. Die trockenen Spekulationen und unpersönlichen Interpretationen mit künstlichen Mitteln helfen den Māyāvādī-sannyāsīs nicht weiter. Die Vaiṣṇava-sannyāsīs hingegen, die hingebungsvollen Dienst ausführen, erfahren bei der Erfüllung ihrer Pflichten transzendentales Glück, und dazu haben sie die Garantie, schließlich in das Königreich Gottes zu gelangen. Die Māyāvādī- sannyāsīs fallen manchmal vom Pfad der Selbstverwirklichung ab und wenden sich wieder weltlichen Tätigkeiten philanthropischer und altruistischer Natur zu, die nichts weiter als materielle Beschäftigungen sind. Daher lautet die Schlußfolgerung, daß diejenigen, die im Kṛṣṇa- Bewußtsein tätig sind, besser gestellt sind als die sannyāsīs, die nur darüber spekulieren, was Brahman ist und was nicht Brahman ist, obgleich auch sie nach vielen Geburten zum Kṛṣṇa-Bewußtsein kommen.

Text

yoga-yukto viśuddhātmā
vijitātmā jitendriyaḥ
sarva-bhūtātma-bhūtātmā
kurvann api na lipyate

Synonyms

yoga-yuktaḥ — im hingebungsvollen Dienst tätig; viśuddha-ātmā — eine geläuterte Seele; vijita-ātmā — selbstbeherrscht; jita-indriyaḥ — die Sinne bezwungen habend; sarva-bhūta — zu allen Lebewesen; ātma-bhūta- ātmā — voller Mitleid; kurvan api — obwohl Tätigkeiten ausführend; na — niemals; lipyate — wird verstrickt.

Translation

Wer in Hingabe handelt, wer eine reine Seele ist und wer Geist und Sinne beherrscht, ist jedem lieb, und jeder ist ihm lieb. Obwohl ein solcher Mensch stets tätig ist, wird er niemals verstrickt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Jemand, der sich durch Kṛṣṇa-Bewußtsein auf dem Pfad der Befreiung befindet, ist jedem Lebewesen sehr lieb, und jedes Lebewesen ist ihm lieb. Dies ist auf sein Kṛṣṇa-Bewußtsein zurückzuführen. Eine solche Person sieht kein Lebewesen getrennt von Kṛṣṇa, geradeso wie die Blätter und Zweige eines Baumes nicht vom Baum getrennt sind. Er weiß sehr wohl, daß man das Wasser auf die Wurzeln gießen muß und daß das Wasser dann an alle Blätter und Zweige weitergeleitet wird oder daß dann, wenn man den Magen mit Nahrung versorgt, die Energie von selbst im ganzen Körper verteilt wird. Ebenso ist jemand, der sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein betätigt, der Diener eines jeden, und so ist er jedem sehr lieb. Und weil jeder mit seinen Tätigkeiten zufrieden ist, kann man verstehen, daß sein Bewußtsein rein ist. Weil sein Bewußtsein rein ist, ist sein Geist völlig beherrscht, und weil sein Geist beherrscht ist, sind auch seine Sinne beherrscht. Weil sein Geist stets auf Kṛṣṇa gerichtet ist, besteht keine Möglichkeit, daß er von Kṛṣṇa abgelenkt wird oder seine Sinne mit anderen Dingen als dem Dienst des Herrn beschäftigt. Er möchte über nichts anderes hören als über Themen, die mit Kṛṣṇa zu tun haben; er möchte nichts essen, was nicht Kṛṣṇa geopfert wurde, und er möchte nirgendwo hingehen, wenn es nicht mit Kṛṣṇas Dienst verbunden ist. Deshalb sind seine Sinne beherrscht, und ein Mensch mit beherrschten Sinnen kann niemandem Schaden zufügen. Hier könnte sich die Frage erheben, warum Arjuna dann (in der Schlacht) gegenüber anderen Gewalt anwandte. War er etwa nicht Kṛṣṇa-bewußt? Die Antwort ist, daß Arjunas Gewalt nur oberflächlich war, denn (wie bereits im Zweiten Kapitel erklärt wurde) alle auf dem Schlachtfeld versammelten Personen lebten individuell weiter, da die Seele niemals erschlagen werden kann. Spirituell gesehen wurde also auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra niemand getötet. Es wurden nur die äußeren Gewänder gewechselt, wie es der Anweisung Kṛṣṇas entsprach, der persönlich anwesend war. Deshalb kämpfte Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra eigentlich gar nicht; er führte nur in völligem Kṛṣṇa-Bewußtsein Kṛṣṇas Befehle aus. Ein solcher Mensch wird niemals in die Reaktionen seiner Handlungen verstrickt.

Text

naiva kiñcit karomīti
yukto manyeta tattva-vit
paśyañ śṛṇvan spṛśañ jighrann
aśnan gacchan svapañ śvasan
pralapan visṛjan gṛhṇann
unmiṣan nimiṣann api
indriyāṇīndriyārtheṣu
vartanta iti dhārayan

Synonyms

na — niemals; eva — gewiß; kiñcit — irgend etwas; karomi — ich tue; iti — so; yuktaḥ — in göttlichem Bewußtsein beschäftigt; manyeta — denkt; tattva-vit — jemand, der die Wahrheit kennt; paśyan — sehend; śṛṇvan — hörend; spṛśan — berührend; jighran — riechend; aśnan — essend; gacchan — gehend; svapan — träumend; śvasan — atmend; pralapan — sprechend; visṛjan — aufgebend; gṛhṇan — annehmend; unmiṣan — öffnend; nimiṣan — schließend; api — trotz; indriyāṇi — die Sinne; indriya- artheṣu — in Sinnenbefriedigung; vartante — mögen sie so beschäftigt sein; iti — auf diese Weise; dhārayan — überlegend.

Translation

Ein Mensch im göttlichen Bewußtsein weiß im Innern stets, daß er in Wirklichkeit nicht handelt, obwohl er sieht, hört, berührt, riecht, ißt, sich bewegt, schläft und atmet. Denn während er spricht, sich entleert, etwas annimmt, seine Augen öffnet oder schließt, weiß er immer, daß nur die materiellen Sinne mit ihren Objekten beschäftigt sind und daß er selbst darüber steht.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet sich auf der reinen Stufe des Daseins, und folglich hat er nichts mit Tätigkeiten zu tun, die von fünf direkten oder indirekten Ursachen abhängig sind, nämlich dem Handelnden, der Handlung, den Umständen, der Bemühung und der Vorsehung. Dies ist darauf zurückzuführen, daß er sich im liebevollen transzendentalen Dienst Kṛṣṇas beschäftigt. Obwohl er, äußerlich gesehen, mit seinem Körper und seinen Sinnen handelt, ist er sich immer seiner eigentlichen Stellung bewußt, die darin besteht, spirituell tätig zu sein. Im materiellen Bewußtsein sind die Sinne mit Sinnenbefriedigung beschäftigt, doch im Kṛṣṇa-Bewußtsein sind die Sinne damit beschäftigt, Kṛṣṇas Sinne zufriedenzustellen. Deshalb ist ein Kṛṣṇa- bewußter Mensch stets frei, selbst wenn es so scheint, als sei er mit den Sinnesobjekten beschäftigt. Tätigkeiten wie Sehen und Hören sind Funktionen der wissenserwerbenden Sinne, wohingegen Bewegung, Sprache, Entleerung usw. Funktionen der Arbeitssinne sind. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch wird niemals von den Tätigkeiten der Sinne beeinflußt. Er kann nichts anderes tun, als sich im Dienst des Herrn zu betätigen, da er weiß, daß er der ewige Diener des Herrn ist.

Text

brahmaṇy ādhāya karmāṇi
saṅgaṁ tyaktvā karoti yaḥ
lipyate na sa pāpena
padma-patram ivāmbhasā

Synonyms

brahmaṇi — der Höchsten Persönlichkeit Gottes; ādhāya — hingebend; karmāṇi — alle Tätigkeiten; saṅgam — Anhaftung; tyaktvā — aufgebend; karoti — führt aus; yaḥ — der; lipyate — wird beeinflußt; na — niemals; saḥ — er; pāpena — von Sünde; padma-patram — ein Lotosblatt; iva — wie; ambhasā — vom Wasser.

Translation

Wer seine Pflicht ohne Anhaftung erfüllt und die Ergebnisse dem Höchsten Herrn hingibt, wird nicht von sündhaften Handlungen beeinflußt, ebenso wie ein Lotosblatt vom Wasser nicht berührt wird.

Purport

ERLÄUTERUNG: Brahmaṇi bedeutet hier „im Kṛṣṇa-Bewußtsein“. Die materielle Welt ist eine Gesamtmanifestation der drei materiellen Erscheinungsweisen, die im Sanskrit pradhāna genannt wird. Die vedischen Hymnen wie sarvaṁ hy etad brahma (Māṇḍūkya Upaniṣad 2) und tasmād etad brahma nāma-rūpam annaṁ ca jāyate (Muṇḍaka Upaniṣad 1.1.9) sowie auch die Bhagavad-gītā mit dem Vers mama yonir mahad brahma (14.3) weisen darauf hin, daß alles in der materiellen Welt eine Manifestation des Brahman ist. Zwar mögen die Wirkungen unterschiedlich manifestiert sein, doch sie sind alle nicht verschieden von der Ursache. In der Īśopaniṣad wird gesagt, daß alles mit dem Höchsten Brahman, Kṛṣṇa, verbunden ist und daß daher alles Ihm allein gehört. Wer sich vollkommen der Tatsache bewußt ist, daß alles Kṛṣṇa gehört, daß Er der Besitzer alles Existierenden ist und daß deshalb alles in Seinem Dienst steht, hat nichts mit den Ergebnissen seiner Tätigkeiten zu tun, seien diese nun tugendhaft oder sündhaft. Selbst der materielle Körper, der einem vom Herrn gegeben wurde, um eine bestimmte Art von Handlungen auszuführen, kann im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt werden. Dann befindet er sich jenseits der Verunreinigungen durch sündhafte Reaktionen, genau wie ein Lotosblatt niemals naß wird, obwohl es sich im Wasser befindet. Der Herr sagt in der Gītā (3.30) auch: mayi sarvāṇi karmāṇi sannyasya. „Gib all deine Tätigkeiten Mir (Kṛṣṇa) hin.“ Die Schlußfolgerung lautet, daß ein Mensch ohne Kṛṣṇa-Bewußtsein auf der Ebene des materiellen Körpers und der Sinne aktiv ist, wohingegen ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch in dem Wissen handelt, daß der Körper das Eigentum Kṛṣṇas ist und deshalb in Kṛṣṇas Dienst beschäftigt werden sollte.

Text

kāyena manasā buddhyā
kevalair indriyair api
yoginaḥ karma kurvanti
saṅgaṁ tyaktvātma-śuddhaye

Synonyms

kāyena — mit dem Körper; manasā — mit dem Geist; buddhyā — mit der Intelligenz; kevalaiḥ — geläutert; indriyaiḥ — mit den Sinnen; api — sogar; yoginaḥ — diejenigen, die Kṛṣṇa-bewußt sind; karma — Tätigkeiten; kurvanti — sie führen aus; saṅgam — Anhaftung; tyaktvā — aufgebend; ātma — des Selbst; śuddhaye — um der Läuterung willen.

Translation

Die yogīs, die Anhaftung aufgeben, handeln mit Körper, Geist, Intelligenz und sogar den Sinnen nur zum Zwecke der Läuterung.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wenn man im Kṛṣṇa-Bewußtsein für die Zufriedenstellung der Sinne Kṛṣṇas handelt, wird jede Handlung des Körpers, des Geistes, der Intelligenz und sogar der Sinne von materieller Verunreinigung geläutert. Auf die Tätigkeiten eines Kṛṣṇa-bewußten Menschen folgen keine materiellen Reaktionen. Um geläuterte Tätigkeiten (sad-ācāra) auszuführen, genügt es also, sich einfach im Kṛṣṇa- Bewußtsein zu betätigen. Śrī Rūpa Gosvāmī beschreibt dies in seinem Bhakti-rasāmṛta-sindhu (1.2.187) wie folgt:

īhā yasya harer dāsye
karmaṇā manasā girā
nikhilāsv apy avasthāsu
jīvan-muktaḥ sa ucyate

„Jemand, der mit Körper, Geist, Intelligenz und Worten im Kṛṣṇa- Bewußtsein, das heißt im Dienste Kṛṣṇas, handelt, ist sogar schon in der materiellen Welt befreit, obwohl er vielen scheinbar materiellen Tätigkeiten nachgehen mag.“ Er besitzt kein falsches Ego, denn er glaubt nicht, daß er mit dem materiellen Körper identisch ist oder daß er der Besitzer des Körpers ist. Er weiß, daß er nicht der Körper ist und daß ihm der Körper auch nicht gehört. Er selbst gehört Kṛṣṇa, und auch der Körper gehört Kṛṣṇa. Wenn er alles, was er besitzt – Körper, Geist, Intelligenz, Worte, sein Leben, seinen Reichtum usw. –, in Kṛṣṇas Dienst stellt, ist er sogleich mit Kṛṣṇa verbunden. Er ist eins mit Kṛṣṇa und ist frei vom falschen Ego, das einen glauben macht, man sei der Körper, usw. Diese Stufe ist die Vollkommenheit des Kṛṣṇa-Bewußtseins.

Text

yuktaḥ karma-phalaṁ tyaktvā
śāntim āpnoti naiṣṭhikīm
ayuktaḥ kāma-kāreṇa
phale sakto nibadhyate

Synonyms

yuktaḥ — derjenige, der im hingebungsvollen Dienst tätig ist; karma- phalam — die Ergebnisse aller Tätigkeiten; tyaktvā — aufgebend; śāntim — vollkommenen Frieden; āpnoti — erreicht; naiṣṭhikīm — unerschütterlichen; ayuktaḥ — jemand, der nicht Kṛṣṇa-bewußt ist; kāma-kāreṇa — um das Ergebnis seiner Tätigkeiten zu genießen; phale — im Ergebnis; saktaḥ — angehaftet; nibadhyate — wird verstrickt.

Translation

Die fortwährend hingegebene Seele erlangt unverfälschten Frieden, weil sie das Ergebnis aller Tätigkeiten Mir opfert. Jemand hingegen, der nicht mit dem Göttlichen verbunden ist und gierig nach den Früchten seiner Tätigkeiten strebt, wird verstrickt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Unterschied zwischen einem Menschen im Kṛṣṇa-Bewußtsein und einem Menschen im körperlichen Bewußtsein liegt darin, daß der erstere an Kṛṣṇa angehaftet ist und der letztere an die Ergebnisse seiner Tätigkeiten. Derjenige, der an Kṛṣṇa angehaftet ist und allein für Ihn handelt, befindet sich auf der Stufe der Befreiung und begehrt nicht die Ergebnisse seiner Tätigkeiten. Im Bhāgavatam wird erklärt, daß die Ursache aller Sorgen um das Ergebnis einer Tätigkeit darin besteht, daß man unter der Auffassung von Dualität handelt, das heißt ohne Wissen von der Absoluten Wahrheit. Kṛṣṇa ist die Höchste Absolute Wahrheit, die Persönlichkeit Gottes. Im Kṛṣṇa- Bewußtsein gibt es keine Dualität, denn alles, was existiert, ist ein Produkt der Energie Kṛṣṇas, und Kṛṣṇa ist absolut gut. Deshalb befinden sich Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein auf der absoluten Ebene; sie sind transzendental und ziehen keine materiellen Reaktionen nach sich. Daher ist man im Kṛṣṇa-Bewußtsein von Frieden erfüllt. Wer jedoch in Profitkalkulationen für Sinnenbefriedigung verstrickt ist, kann diesen Frieden nicht finden. Das Geheimnis des Kṛṣṇa-Bewußtseins besteht also darin, zu erkennen, daß es nichts außerhalb von Kṛṣṇa gibt, und diese Erkenntnis bildet die Ebene von Frieden und Furchtlosigkeit.

Text

sarva-karmāṇi manasā
sannyasyāste sukhaṁ vaśī
nava-dvāre pure dehī
naiva kurvan na kārayan

Synonyms

sarva — alle; karmāṇi — Tätigkeiten; manasā — durch den Geist; sannyasya — aufgebend; āste — bleibt; sukham — in Glück; vaśī — derjenige, der beherrscht ist; nava-dvāre — an dem Ort, wo es neun Tore gibt; pure — in der Stadt; dehī — die verkörperte Seele; na — niemals; eva — gewiß; kurvan — irgend etwas tuend; na — nicht; kārayan — veranlassend zu tun.

Translation

Wenn das verkörperte Lebewesen seine niedere Natur beherrscht und im Geist allen Handlungen entsagt, wohnt es glücklich in der Stadt der neun Tore [dem materiellen Körper], und weder ist es der Handelnde, noch ist es die Ursache von Handlung.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die verkörperte Seele lebt in der Stadt der neun Tore. Die Tätigkeiten des Körpers, oder im übertragenen Sinne der Stadt des Körpers, werden von den jeweiligen Erscheinungsweisen der Natur automatisch ausgeführt. Obwohl sich die Seele den Bedingungen des Körpers unterworfen hat, kann sie, wenn sie es wünscht, diese Bedingungen überwinden. Nur weil sie ihre höhere Natur vergessen hat, identifiziert sie sich mit dem materiellen Körper, und daher leidet sie. Durch Kṛṣṇa-Bewußtsein ist es der verkörperten Seele möglich, ihre ursprüngliche Stellung wiederzufinden, um so aus ihrer körperlichen Gefangenschaft herauszukommen. Mit anderen Worten, wenn man sich dem Kṛṣṇa-Bewußtsein zuwendet, löst man sich sogleich von allen körperlichen Tätigkeiten. Wenn man zu einem solch beherrschten Leben findet, in dem man seine Vorstellungen gewandelt hat, wohnt man glücklich in der Stadt der neun Tore. Diese neun Tore werden wie folgt beschrieben:

nava-dvāre pure dehī
haṁso lelāyate bahiḥ
vaśī sarvasya lokasya
sthāvarasya carasya ca

„Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, der Sich im Körper des Lebewesens befindet, ist der Beherrscher aller Lebewesen im ganzen Universum. Der Körper besteht aus neun Toren [zwei Augen, zwei Nasenlöcher, zwei Ohren, ein Mund, der Anus und das Genital]. Im bedingten Zustand identifiziert sich das Lebewesen mit dem Körper, doch wenn es sich mit dem Herrn in seinem Innern identifiziert, wird es ebenso frei wie der Herr, selbst wenn es sich noch im materiellen Körper befindet.“ (Śvetāśvatara Upaniṣad 3.18)

Aus diesem Grund also ist ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch von den äußeren und inneren Tätigkeiten des materiellen Körpers frei.

Text

na kartṛtvaṁ na karmāṇi
lokasya sṛjati prabhuḥ
na karma-phala-saṁyogaṁ
svabhāvas tu pravartate

Synonyms

na — niemals; kartṛtvam — Eigentum; na — weder; karmāṇi — Tätigkeiten; lokasya — der Menschen; sṛjati — erschafft; prabhuḥ — der Herr der Stadt des Körpers; na — noch; karma-phala — mit den Ergebnissen der Tätigkeiten; saṁyogam — Verbindung; svabhāvaḥ — die Erscheinungsweisen der materiellen Natur; tu — aber; pravartate — handeln.

Translation

Das verkörperte spirituelle Lebewesen, der Herr in der Stadt seines Körpers, verursacht niemals Tätigkeiten. Weder veranlaßt es andere zu handeln, noch erzeugt es die Früchte seiner Tätigkeiten. All dies wird von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur bewirkt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wie im Siebten Kapitel erklärt wird, ist das Lebewesen eine der Energien oder Naturen des Höchsten Herrn, aber es unterscheidet sich von Materie, die eine andere Natur des Herrn ist, nämlich die niedere. Irgendwie ist die höhere Natur, das Lebewesen, seit unvordenklichen Zeiten in Verbindung mit der materiellen Natur. Der zeitweilige Körper, das heißt der materielle Aufenthaltsort, den das Lebewesen bekommt, ist die Ursache einer Vielfalt von Tätigkeiten und der sich daraus ergebenden Reaktionen. Wenn man in einem solch bedingten Zustand lebt, erleidet man die Ergebnisse der Tätigkeiten des Körpers, da man sich (aus Unwissenheit) mit dem Körper identifiziert. Es ist die seit unvordenklichen Zeiten erworbene Unwissenheit, die die Ursache körperlicher Leiden und Nöte ist. Sobald sich das Lebewesen von den Tätigkeiten des Körpers löst, wird es auch von den Reaktionen frei. Solange es sich in der Stadt des Körpers aufhält, scheint es Herr über sie zu sein, doch in Wirklichkeit ist es weder der Besitzer des Körpers noch der Herr über dessen Tätigkeiten und die daraus erfolgenden Reaktionen. Es befindet sich einfach inmitten des materiellen Ozeans und kämpft um seine Existenz. Die Wogen des Ozeans werfen es hin und her, und es hat keine Herrschaft über sie. Die beste Lösung, um aus dem Wasser herauszugelangen, besteht darin, sich dem transzendentalen Kṛṣṇa-Bewußtsein zuzuwenden. Nur dies wird einen aus allem Unheil erretten.

Text

nādatte kasyacit pāpaṁ
na caiva sukṛtaṁ vibhuḥ
ajñānenāvṛtaṁ jñānaṁ
tena muhyanti jantavaḥ

Synonyms

na — nie; ādatte — nimmt an; kasyacit — irgend jemandes; pāpam — Sünde; na — und nicht; ca — auch; eva — gewiß; su-kṛtam — fromme Tätigkeiten; vibhuḥ — der Höchste Herr; ajñānena — durch Unwissenheit; āvṛtam — bedeckt; jñānam — Wissen; tena — dadurch; muhyanti — sind verwirrt; jantavaḥ — die Lebewesen.

Translation

Ebenso nimmt der Höchste Herr niemandes sündhafte oder fromme Tätigkeiten auf Sich. Die verkörperten Wesen jedoch sind verwirrt, da Unwissenheit ihr wahres Wissen bedeckt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Das Sanskritwort vibhu bezeichnet den Höchsten Herrn, der unbegrenztes Wissen, unbegrenzte Reichtümer, unbegrenzte Stärke, unbegrenzten Ruhm, unbegrenzte Schönheit und unbegrenzte Entsagung in Vollkommenheit besitzt. Er ist immer in Sich Selbst zufrieden und wird weder von sündigen noch von frommen Tätigkeiten gestört. Er schafft für niemanden besondere Umstände; vielmehr ist es das Lebewesen selbst, das, durch Unwissenheit verwirrt, den Wunsch entwickelt, in bestimmte Lebensumstände versetzt zu werden, womit seine Kette von Aktion und Reaktion beginnt. Da das Lebewesen von höherer Natur ist, ist es voller Wissen. Trotzdem neigt es aufgrund seiner begrenzten Kraft dazu, von Unwissenheit beeinflußt zu werden. Der Herr ist allmächtig, das Lebewesen jedoch nicht. Der Herr ist vibhu (allwissend), und das Lebewesen ist aṇu (atomisch klein). Weil es eine lebendige Seele ist, hat es die Fähigkeit, nach seinem freien Willen zu wünschen, doch all diese Wünsche werden nur vom allmächtigen Herrn erfüllt. Wenn das Lebewesen verwirrte Wünsche hat, ist es ebenfalls der Herr, der es ihm erlaubt, diese Wünsche zu erfüllen; doch der Herr ist niemals für die Aktionen und Reaktionen verantwortlich, die durch die Wünsche des Lebewesens hervorgerufen werden. Da sich die verkörperte Seele in einem verwirrten Zustand befindet, identifiziert sie sich mit dem umständebedingten materiellen Körper und wird so dem zeitweiligen Leid und Glück des Lebens unterworfen. Der Herr ist als Paramātmā, die Überseele, der ständige Begleiter des Lebewesens und kennt deshalb die Wünsche der individuellen Seele, ebenso wie man den Duft einer Blume riechen kann, einfach indem man in ihrer Nähe ist. Wünsche sind eine feinstoffliche Form der Bindung des Lebewesens. Der Herr erfüllt die Wünsche des Lebewesens in dem Maße, wie es das Lebewesen verdient. „Der Mensch denkt, und Gott lenkt.“ Das Individuum besitzt also nicht die Allmacht, sich seine Wünsche selbst zu erfüllen. Der Herr jedoch kann die Wünsche eines jeden erfüllen, und weil Er Sich jedem gegenüber neutral verhält, mischt Er Sich nicht in die Wünsche der winzigen unabhängigen Lebewesen ein. Wenn sich jemand aber Kṛṣṇa wünscht, dann kümmert Sich Kṛṣṇa in besonderer Weise um ihn und ermutigt ihn, seine Wünsche so auszurichten, daß er den Herrn erreicht und ewig glücklich sein kann. Die vedischen Hymnen sagen daher: eṣa u hy eva sādhu karma kārayati taṁ yam ebhyo lokebhya unninīṣate. eṣa u evāsādhu karma kārayati yam adho ninīṣate: „Der Herr beschäftigt das Lebewesen mit frommen Tätigkeiten, so daß es erhoben werden kann, und Er beschäftigt es mit unfrommen Tätigkeiten, so daß es in die Hölle absinken kann.“ (Kauṣītakī Upaniṣad 3.8) In ähnlicher Weise heißt es im Mahābhārata (Vana-parva 31.27):

ajño jantur anīśo ’yam
ātmanaḥ sukha-duḥkhayoḥ
īśvara-prerito gacchet
svargaṁ vāśv abhram eva ca

„Das Lebewesen ist in seinem Leid und Glück völlig abhängig. Durch den Willen des Höchsten kann es in den Himmel oder in die Hölle gehen, geradeso wie eine Wolke vom Wind getrieben wird.“

Somit verursacht die verkörperte Seele aufgrund ihres seit unvordenklichen Zeiten bestehenden Wunsches, Kṛṣṇa-Bewußtsein zu meiden, ihre eigene Verwirrung. Die Seele ist dem Wesen nach ewig, glückselig und wissend, aber weil sie winzig klein ist, kann sie ihre wesensgemäße Stellung als Diener des Herrn vergessen und in der Folge von Unwissenheit gefangen werden. Und im Bann der Unwissenheit macht das Lebewesen den Herrn für sein bedingtes Dasein verantwortlich. Aber die Vedānta-sūtras (2.1.34) bestätigen: vaiṣamya-nairghṛṇye na sāpekṣatvāt tathā hi darśayati. „Der Herr haßt oder liebt niemanden, obwohl es so erscheint.“

Text

jñānena tu tad ajñānaṁ
yeṣāṁ nāśitam ātmanaḥ
teṣām āditya-vaj jñānaṁ
prakāśayati tat param

Synonyms

jñānena — durch Wissen; tu — aber; tat — diese; ajñānam — Unwissenheit; yeṣām — wessen; nāśitam — wird zerstört; ātmanaḥ — des Lebewesens; teṣām — ihr; āditya-vat — wie die aufgehende Sonne; jñānam — Wissen; prakāśayati — enthüllt; tat param — Kṛṣṇa-Bewußtsein.

Translation

Wenn aber jemand mit dem Wissen erleuchtet ist, durch das Unwissenheit zerstört wird, dann enthüllt sein Wissen alles, ebenso wie die Sonne am Tage alles erleuchtet.

Purport

ERLÄUTERUNG: Diejenigen, die Kṛṣṇa vergessen haben, müssen zweifellos verwirrt sein, aber diejenigen, die sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befinden, sind nicht im geringsten verwirrt. In der Bhagavad-gītā heißt es: sarvaṁ jñāna-plavena, jñānāgniḥ sarva-karmāṇi und na hi jñānena sadṛśam. Wissen wird also immer als sehr wertvoll erachtet. Und was ist mit diesem Wissen gemeint? Vollkommenes Wissen, wie im Siebten Kapitel, Vers 19, erklärt wird, erlangt man, wenn man sich Kṛṣṇa ergibt: bahūnāṁ janmanām ante jñānavān māṁ prapadyate. Wenn man sich nach vielen, vielen Geburten in vollkommenem Wissen Kṛṣṇa ergibt, das heißt, wenn man Kṛṣṇa-Bewußtsein erreicht, dann wird einem alles enthüllt, ebenso wie die Sonne am Tage alles enthüllt. Das Lebewesen ist in so vieler Hinsicht verwirrt. Wenn es zum Beispiel in seiner Verwegenheit glaubt, selbst Gott zu sein, geht es in Wirklichkeit in die letzte Falle der Unwissenheit. Wenn ein Lebewesen Gott ist, wie kann es dann von Unwissenheit verwirrt werden? Kann Gott von Unwissenheit verwirrt werden? Wäre dies der Fall, dann wäre Unwissenheit oder Satan größer als Gott. Wirkliches Wissen kann man von jemandem empfangen, der über vollkommenes Kṛṣṇa-Bewußtsein verfügt. Deshalb muß man einen solchen echten spirituellen Meister finden und unter seiner Anleitung lernen, was Kṛṣṇa-Bewußtsein ist, denn Kṛṣṇa-Bewußtsein wird zweifellos alle Unwissenheit vertreiben, ebenso wie die Sonne die Dunkelheit vertreibt. Selbst wenn ein Mensch völlig erkannt hat, daß er nicht der Körper ist, sondern in transzendentaler Stellung zum Körper steht, bedeutet dies nicht, daß er imstande ist, zwischen der Seele und der Überseele zu unterscheiden. Er kann jedoch alles richtig erkennen, wenn er sich darum bemüht, bei einem vollkommenen, echten Kṛṣṇa-bewußten spirituellen Meister Zuflucht zu suchen. Man kann Gott und seine Beziehung zu Ihm nur dann verstehen, wenn man tatsächlich einen echten Stellvertreter Gottes trifft. Weil ein Stellvertreter Gottes Wissen über Gott besitzt, wird ihm die gleiche Ehre erwiesen, die man gewöhnlich Gott erweist; aber ein Stellvertreter Gottes behauptet niemals, selbst Gott zu sein. Man muß also lernen, worin der Unterschied zwischen Gott und dem Lebewesen besteht. Śrī Kṛṣṇa sagte daher im Zweiten Kapitel (2.12), daß jedes Lebewesen ein Individuum ist und daß der Herr ebenfalls ein Individuum ist. Sie alle waren Individuen in der Vergangenheit; sie sind Individuen in der Gegenwart, und sie werden auch in der Zukunft – selbst nach der Befreiung – weiterhin Individuen bleiben. In der Dunkelheit der Nacht scheint alles eins zu sein, doch am Tage, im Licht der Sonne, sehen wir die Dinge in ihrer wahren Identität. Identität mit Individualität im spirituellen Leben ist wahres Wissen.

Text

tad-buddhayas tad-ātmānas
tan-niṣṭhās tat-parāyaṇāḥ
gacchanty apunar-āvṛttiṁ
jñāna-nirdhūta-kalmaṣāḥ

Synonyms

tat-buddhayaḥ — jene, deren Intelligenz immer auf den Höchsten gerichtet ist; tat-ātmānaḥ — diejenigen, deren Geist immer auf den Höchsten gerichtet ist; tat-niṣṭhāḥ — diejenigen, deren Glauben nur auf den Höchsten gerichtet ist; tat-parāyaṇāḥ — die vollständig bei Ihm Zuflucht gesucht haben; gacchanti — gehen; apunaḥ-āvṛttim — zur Befreiung; jñāna — durch Wissen; nirdhūta — gereinigt; kalmaṣāḥ — unheilvolle Dinge.

Translation

Wenn Intelligenz, Geist, Glaube und Zuflucht allesamt auf den Höchsten gerichtet sind, wird man durch vollständiges Wissen von allen unheilvollen Dingen gereinigt und kann so auf dem Pfad der Befreiung unbeirrt fortschreiten.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die Höchste Transzendentale Wahrheit ist Śrī Kṛṣṇa. Die ganze Bhagavad-gītā dreht sich um die Erklärung, daß Śrī Kṛṣṇa die Höchste Persönlichkeit Gottes ist. Dies ist die Aussage aller vedischen Schriften. Para-tattva bedeutet die Höchste Realität, die von den Kennern des Höchsten als Brahman, Paramātmā und Bhagavān wahrgenommen wird. Bhagavān, die Höchste Persönlichkeit Gottes, ist der höchste Aspekt des Absoluten. Es gibt nichts Höheres. Der Herr sagt: mattaḥ parataraṁ nānyat kiñcid asti dhanañ-jaya. Auch das unpersönliche Brahman ist von Kṛṣṇa abhängig: brahmaṇo hi pratiṣṭhāham. Deshalb ist Kṛṣṇa in jeder Hinsicht die Höchste Realität. Jemand, dessen Geist, Intelligenz, Glaube und Zuflucht immer fest auf Kṛṣṇa gerichtet sind, das heißt jemand, der völlig Kṛṣṇa-bewußt ist, ist zweifellos von allen unheilvollen Dingen reingewaschen und besitzt vollkommenes Wissen über die Transzendenz. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch versteht genau, daß es in Kṛṣṇa Dualität gibt (nämlich gleichzeitige Identität und Individualität), und wenn man solches transzendentales Wissen besitzt, kann man auf dem Pfad der Befreiung stetigen Fortschritt machen.

Text

vidyā-vinaya-sampanne
brāhmaṇe gavi hastini
śuni caiva śva-pāke ca
paṇḍitāḥ sama-darśinaḥ

Synonyms

vidyā — mit Wissen; vinaya — und edler Natur; sampanne — voll ausgestattet; brāhmaṇe — im brāhmaṇa; gavi — in der Kuh; hastini — im Elefanten; śuni — im Hund; ca — und; eva — gewiß; śva-pāke — in dem Hundeesser (dem Kastenlosen); ca — beziehungsweise; paṇḍitāḥ — diejenigen, die weise sind; sama-darśinaḥ — die mit gleicher Sicht sehen.

Translation

Die demütigen Weisen sehen kraft wahren Wissens einen gelehrten und edlen brāhmaṇa, eine Kuh, einen Elefanten, einen Hund und einen Hundeesser [Kastenlosen] mit gleicher Sicht.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch macht keinen Unterschied zwischen Lebensformen oder Kasten. Der brāhmaṇa und der Kastenlose mögen vom sozialen Standpunkt aus betrachtet verschieden sein, so wie auch ein Hund, eine Kuh und ein Elefant in bezug auf die Lebensform verschieden sind, doch diese Unterschiede des Körpers sind in den Augen eines gelehrten Transzendentalisten bedeutungslos. Dies ist so, weil er sie alle in ihrer Beziehung zum Höchsten sieht, denn der Höchste Herr ist durch Seine vollständige Erweiterung als Paramātmā im Herzen eines jeden gegenwärtig. Ein solches Verständnis vom Höchsten ist wirkliches Wissen. Der Herr ist jedem Lebewesen in gleichem Maße gütig gesinnt, da Er alle als Freund behandelt, unabhängig davon, zu welcher Kaste oder Lebensart der Körper gehört. Die Lebewesen mögen sich in den verschiedensten Umständen befinden, doch der Herr behält immer Seine Stellung als Paramātmā bei. Der Herr ist sowohl im Kastenlosen als auch im brāhmaṇa als Paramātmā gegenwärtig, obwohl der Körper eines brāhmaṇa und der eines Kastenlosen nicht das gleiche sind. Die Körper sind materielle Erzeugnisse der verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur, doch die Seele und die Überseele im Körper sind von der gleichen spirituellen Eigenschaft. Daß die Seele und die Überseele qualitativ gleich sind, bedeutet jedoch nicht, daß sie auch in der Quantität gleich sind, denn die individuelle Seele ist nur in ihrem jeweiligen Körper gegenwärtig, wohingegen der Paramātmā in allen Körpern gegenwärtig ist. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch ist sich dessen völlig bewußt, und daher ist er wahrhaft gelehrt und sieht alles mit gleicher Sicht. Die gemeinsamen Merkmale der Seele und der Überseele bestehen darin, daß sie beide bewußt, ewig und glückselig sind. Der Unterschied jedoch liegt darin, daß sich die individuelle Seele nur des Bereiches innerhalb der Grenzen ihres eigenen Körpers bewußt ist, wohingegen Sich die Überseele aller Körper bewußt ist. Die Überseele ist ohne Unterschied in allen Körpern gegenwärtig.

Text

ihaiva tair jitaḥ sargo
yeṣāṁ sāmye sthitaṁ manaḥ
nirdoṣaṁ hi samaṁ brahma
tasmād brahmaṇi te sthitāḥ

Synonyms

iha — in diesem Leben; eva — gewiß; taiḥ — von ihnen; jitaḥ — überwunden; sargaḥ — Geburt und Tod; yeṣām — deren; sāmye — in Gleichmut; sthitam — sich befindend; manaḥ — Geist; nirdoṣam — makellos; hi — gewiß; samam — in Ausgeglichenheit; brahma — wie das Höchste; tasmāt — deshalb; brahmaṇi — im Höchsten; te — sie; sthitāḥ — befinden sich.

Translation

Diejenigen, deren Geist in Gleichmut und Ausgeglichenheit ruht, haben bereits die Bedingtheit von Geburt und Tod überwunden. Sie sind unbefleckt wie das Brahman, und so sind sie bereits im Brahman verankert.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ausgeglichenheit des Geistes, wie oben erwähnt, ist das Zeichen von Selbstverwirklichung. Diejenigen, die diese Stufe tatsächlich erreicht haben, sollten als Seelen betrachtet werden, die alle Formen der materiellen Bedingtheit, insbesondere Geburt und Tod, überwunden haben. Solange man sich mit seinem Körper identifiziert, gilt man als bedingte Seele, doch sobald man durch Erkenntnis des Selbst zur Stufe der Ausgeglichenheit erhoben wird, ist man vom bedingten Leben befreit. Mit anderen Worten, auf dieser Stufe ist man nicht mehr gezwungen, in der materiellen Welt geboren zu werden, sondern kann nach dem Tod in den spirituellen Himmel gelangen. Der Herr ist unbefleckt, weil Er frei von Anziehung und Haß ist, und wenn ein Lebewesen Anziehung und Haß überwindet, wird es ebenso unbefleckt und qualifiziert sich, in den spirituellen Himmel einzugehen. Solche Menschen müssen als bereits befreite Seelen angesehen werden, und ihre Merkmale werden im folgenden beschrieben.

Text

na prahṛṣyet priyaṁ prāpya
nodvijet prāpya cāpriyam
sthira-buddhir asammūḍho
brahma-vid brahmaṇi sthitaḥ

Synonyms

na — nicht; prahṛṣyet — frohlockt; priyam — Angenehmes; prāpya — erreichend; na — nicht; udvijet — wird erregt; prāpya — erreichend; ca — auch; apriyam — Unangenehmes; sthira-buddhiḥ — im Selbst verankerte Intelligenz; asammūḍhaḥ — nicht verwirrt; brahma-vit — jemand, der den Höchsten in vollkommener Weise kennt; brahmaṇi — in der Transzendenz; sthitaḥ — verankert.

Translation

Wer weder frohlockt, wenn er etwas Angenehmes erreicht, noch klagt, wenn ihm etwas Unangenehmes widerfährt, wessen Intelligenz im Selbst verankert ist, wer nicht verwirrt ist und die Wissenschaft Gottes kennt, befindet sich bereits auf der Ebene der Transzendenz.

Purport

ERLÄUTERUNG: Hier werden die Merkmale eines selbstverwirklichten Menschen beschrieben. Das erste Merkmal ist, daß er nicht der Illusion unterliegt, den Körper fälschlich mit dem wahren Selbst gleichzusetzen. Er weiß genau, daß er nicht der Körper ist, sondern ein fragmentarischer Teil der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Daher frohlockt er nicht, wenn er etwas bekommt, und klagt nicht, wenn er etwas verliert, das in Beziehung zu seinem Körper steht. Diese Ausgeglichenheit des Geistes wird als sthira-buddhi, im Selbst verankerte Intelligenz, bezeichnet. Ein Mensch mit solchen Eigenschaften gerät deshalb nie in die Illusion zu denken, der grobstoffliche Körper sei die Seele, denn er hält den Körper nicht für dauerhaft, ebensowenig wie er die Existenz der Seele ignoriert. Dieses Wissen erhebt ihn auf die Stufe, auf der er die Wissenschaft von der Absoluten Wahrheit – Brahman, Paramātmā und Bhagavān – vollständig versteht. Er kennt daher seine wesensgemäße Stellung sehr genau und versucht nicht fälschlich, mit dem Höchsten in jeder Beziehung eins zu werden. Dies bezeichnet man als Brahman-Erkenntnis oder auch als Selbstverwirklichung. Ein solches stetiges Bewußtsein wird Kṛṣṇa-Bewußtsein genannt.

Text

bāhya-sparśeṣv asaktātmā
vindaty ātmani yat sukham
sa brahma-yoga-yuktātmā
sukham akṣayam aśnute

Synonyms

bāhya-sparśeṣu — an äußerer Sinnenfreude; asakta-ātmā — jemand, der nicht angehaftet ist; vindati — genießt; ātmani — im Selbst; yat — das, was; sukham — Glück; saḥ — er; brahma-yoga — durch Konzentration auf das Brahman; yukta-ātmā — mit dem Selbst verbunden; sukham — Glück; akṣayam — unbegrenztes; aśnute — genießt.

Translation

Solch ein befreiter Mensch fühlt sich nicht zu materieller Sinnenfreude hingezogen, sondern befindet sich immer in Trance und genießt die Freude im Innern. Auf diese Weise genießt der Selbstverwirklichte unbegrenztes Glück, denn er konzentriert sich auf den Höchsten.

Purport

ERLÄUTERUNG: Śrī Yāmunācārya, ein großer Gottgeweihter im Kṛṣṇa-Bewußtsein, sagte:

yad-avadhi mama cetaḥ kṛṣṇa-pādāravinde
nava-nava-rasa-dhāmany udyataṁ rantum āsīt
tad-avadhi bata nārī-saṅgame smaryamāne
bhavati mukha-vikāraḥ suṣṭhu niṣṭhīvanaṁ ca

„Seitdem ich im transzendentalen liebevollen Dienst Kṛṣṇas tätig bin, erfahre ich in Ihm immer neue Freude, und immer wenn ich an sexuellen Genuß denke, speie ich auf diesen Gedanken, und meine Lippen verziehen sich vor Abscheu.“

Ein Mensch auf dem Pfad des brahma-yoga, des Kṛṣṇa-Bewußtseins, ist so sehr in den liebevollen Dienst Kṛṣṇas vertieft, daß er jeglichen Geschmack an materieller Sinnenfreude verliert. Die höchste materielle Freude ist sexuelle Freude. Die ganze Welt bewegt sich unter ihrem Zauber, und kein Materialist kann ohne diesen Beweggrund arbeiten. Ein Gottgeweihter im Kṛṣṇa-Bewußtsein hingegen kann mit viel größerer Energie arbeiten, ohne von sexueller Lust getrieben zu sein, die er, im Gegenteil, völlig vermeidet. Dies ist der Prüfstein für spirituelle Verwirklichung, denn spirituelle Verwirklichung und sexueller Genuß sind unvereinbar. Weil ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch eine befreite Seele ist, fühlt er sich zu keiner Art von Sinnenfreude hingezogen.

Text

ye hi saṁsparśa-jā bhogā
duḥkha-yonaya eva te
ādy-antavantaḥ kaunteya
na teṣu ramate budhaḥ

Synonyms

ye — jene; hi — gewiß; saṁsparśa-jāḥ — durch Berührung mit den materiellen Sinnen; bhogāḥ — Genuß; duḥkha — Leid; yonayaḥ — Quellen von; eva — gewiß; te — sie sind; ādi — Anfang; anta — Ende; vantaḥ — unterworfen; kaunteya — o Sohn Kuntīs; na — niemals; teṣu — an diesen; ramate — findet Freude; budhaḥ — der Intelligente.

Translation

Ein intelligenter Mensch schöpft nicht aus den Quellen des Leids, die aus der Berührung mit den materiellen Sinnen entstehen. O Sohn Kuntīs, solche Freuden haben einen Anfang und ein Ende, und daher erfreut sich der Weise nicht an ihnen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Materielle Sinnenfreuden entstehen aus dem Kontakt mit den materiellen Sinnen, die alle zeitweilig sind, weil der Körper selbst zeitweilig ist. Eine befreite Seele ist an nichts Zeitweiligem interessiert. Wie könnte sich eine befreite Seele, die die Glückseligkeit transzendentaler Freude kennt, auf den Genuß falscher Freuden einlassen? Im Padma Purāṇa heißt es:

ramante yogino ’nante
satyānande cid-ātmani
iti rāma-padenāsau
paraṁ brahmābhidhīyate

„Die Mystiker schöpfen unbegrenzte transzendentale Freude aus der Absoluten Wahrheit, und daher ist die Höchste Absolute Wahrheit, die Persönlichkeit Gottes, auch als Rāma bekannt.“

Auch im Śrīmad-Bhāgavatam (5.5.1) wird gesagt:

nāyaṁ deho deha-bhājāṁ nṛ-loke
kaṣṭān kāmān arhate viḍ-bhujāṁ ye
tapo divyaṁ putrakā yena sattvaṁ
śuddhyed yasmād brahma-saukhyaṁ tv anantam

„Meine lieben Söhne, es gibt keinen Grund, in dieser menschlichen Lebensform sehr schwer für Sinnenfreude zu arbeiten; solche Freuden sind auch den Kotfressern (Schweinen) zugänglich. Vielmehr solltet ihr euch in diesem Leben tapasya auferlegen, durch die euer Dasein geläutert wird, und als Ergebnis werdet ihr imstande sein, grenzenlose transzendentale Glückseligkeit zu genießen.“

Deshalb verspüren wahre yogīs und gelehrte Transzendentalisten keinerlei Anziehung zu Sinnenfreuden, die die Ursache fortgesetzten materiellen Daseins sind. Je mehr man an materiellen Freuden hängt, desto mehr wird man von materiellen Leiden gefangen.

Text

śaknotīhaiva yaḥ soḍhuṁ
prāk śarīra-vimokṣaṇāt
kāma-krodhodbhavaṁ vegaṁ
sa yuktaḥ sa sukhī naraḥ

Synonyms

śaknoti — ist imstande; iha eva — im gegenwärtigen Körper; yaḥ — derjenige, der; soḍhum — zu erdulden; prāk — bevor; śarīra — den Körper; vimokṣaṇāt — aufgebend; kāma — Begierde; krodha — und Zorn; udbhavam — entstanden aus; vegam — Dränge; saḥ — er; yuktaḥ — in Trance; saḥ — er; sukhī — glücklich; naraḥ — Mensch.

Translation

Wenn jemand, bevor er den gegenwärtigen Körper aufgibt, lernt, dem Drang der materiellen Sinne zu widerstehen und die Macht von Lust und Zorn zu bezwingen, befindet er sich in einer sicheren Stellung und lebt glücklich in dieser Welt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wenn man auf dem Pfad der Selbstverwirklichung stetig fortschreiten will, muß man versuchen, die Dränge der materiellen Sinne zu beherrschen. Es gibt den Drang des Redens, des Zornes, des Geistes, des Magens, des Genitals und der Zunge. Wer fähig ist, die Dränge all dieser verschiedenen Sinne wie auch den Geist zu beherrschen, wird gosvāmī oder svāmī genannt. Solche gosvāmīs führen ein streng beherrschtes Leben und gehen den Drängen der Sinne ganz aus dem Weg. Wenn materielle Wünsche nicht befriedigt werden, erzeugen sie Zorn, und so werden der Geist, die Augen und die Brust erregt. Deshalb muß man sich darin üben, die Sinne zu beherrschen, bevor man den materiellen Körper aufgibt. Wer dazu fähig ist, wird als selbstverwirklicht angesehen, und er ist glücklich in diesem Zustand der Selbstverwirklichung. Es ist die Pflicht des Transzendentalisten, mit aller Kraft zu versuchen, Lust und Zorn zu beherrschen.

Text

yo ’ntaḥ-sukho ’ntar-ārāmas
tathāntar-jyotir eva yaḥ
sa yogī brahma-nirvāṇaṁ
brahma-bhūto ’dhigacchati

Synonyms

yaḥ — jemand, der; antaḥ-sukhaḥ — glücklich im Innern; antaḥ-ārāmaḥ — aktiv im Innern genießend; tathā — wie auch; antaḥ-jyotiḥ — nach innen gerichtet; eva — gewiß; yaḥ — jeder; saḥ — er; yogī — ein Transzendentalist; brahma-nirvāṇam — Befreiung im Höchsten; brahma-bhūtaḥ — auf der Stufe der Selbstverwirklichung; adhigacchati — erreicht.

Translation

Jemand, dessen Glück im Innern liegt, der im Innern tätig ist und im Innern Freude erfährt und dessen Ziel im Innern liegt, ist wahrhaft der vollkommene Mystiker. Er ist im Höchsten befreit, und letztlich erreicht er den Höchsten

Purport

ERLÄUTERUNG: Wie kann man, solange man nicht fähig ist, Glück im Innern zu kosten, aufhören, in weltlichen Beschäftigungen nach äußerem, oberflächlichem Glück zu suchen? Ein Mensch auf der Stufe der Befreiung genießt Glück durch tatsächliche Erfahrung. Er kann sich daher an jedem beliebigen Ort schweigend niederlassen und die Tätigkeiten des Lebens von innen her genießen. Solch ein befreiter Mensch begehrt nicht mehr äußeres, materielles Glück. Diesen Zustand nennt man brahma-bhūta, und wenn man ihn erreicht, ist es sicher, daß man zu Gott, nach Hause, zurückkehrt.

Text

labhante brahma-nirvāṇam
ṛṣayaḥ kṣīṇa-kalmaṣāḥ
chinna-dvaidhā yatātmānaḥ
sarva-bhūta-hite ratāḥ

Synonyms

labhante — erreichen; brahma-nirvāṇam — Befreiung im Höchsten; ṛṣayaḥ — diejenigen, die im Innern aktiv sind; kṣīṇa-kalmaṣāḥ — die frei von allen Sünden sind; chinna — durchtrennt habend; dvaidhāḥ — Dualität; yata-ātmānaḥ — mit Selbstverwirklichung beschäftigt; sarva-bhūta — für alle Lebewesen; hite — in Wohlfahrtstätigkeit; ratāḥ — beschäftigt.

Translation

Diejenigen, die sich jenseits der Dualitäten befinden, die aus Zweifeln entstehen, deren Geist im Innern tätig ist, die immer für das Wohl aller Lebewesen handeln und die von allen Sünden frei sind, erreichen Befreiung im Höchsten.

Purport

ERLÄUTERUNG: Nur von einem völlig Kṛṣṇa-bewußten Menschen kann man sagen, daß er zum Wohl aller Lebewesen handelt. Wenn jemand wirklich verstanden hat, daß Kṛṣṇa der Urquell von allem ist, und auch in diesem Bewußtsein handelt, dann handelt er zum Wohl aller. Die Menschheit leidet, weil sie vergessen hat, daß Kṛṣṇa der höchste Genießer, der höchste Besitzer und der höchste Freund ist. Daher ist es die höchste Wohltätigkeitsarbeit, wenn man sich darum bemüht, dieses Bewußtsein in der ganzen menschlichen Gesellschaft wiederzubeleben. Man kann keine solche erstklassige Wohlfahrtsarbeit leisten, ohne im Höchsten befreit zu sein. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch zweifelt nicht an der Oberherrschaft Kṛṣṇas. Er kennt keine Zweifel, weil er völlig frei von allen Sünden ist. Das ist die Stufe göttlicher Liebe.

Jemand, der sich nur um das körperliche Wohlergehen der menschlichen Gesellschaft bemüht, kann im Grunde niemandem helfen. Eine zeitweilige Linderung der Leiden des äußeren Körpers und des Geistes stellt keine befriedigende Lösung dar. Die eigentliche Ursache der Schwierigkeiten im harten Lebenskampf liegt darin, daß man seine Beziehung zum Höchsten Herrn vergessen hat. Wenn sich ein Mensch seiner Beziehung zu Kṛṣṇa völlig bewußt ist, ist er tatsächlich eine befreite Seele, obwohl er sich noch im materiellen Leib befinden mag.

Text

kāma-krodha-vimuktānāṁ
yatīnāṁ yata-cetasām
abhito brahma-nirvāṇaṁ
vartate viditātmanām

Synonyms

kāma — von Begierden; krodha — und Zorn; vimuktānām — derjenigen, die befreit sind; yatīnām — der heiligen Persönlichkeiten; yata-cetasām — die den Geist völlig unter Kontrolle haben; abhitaḥ — in naher Zukunft zugesichert; brahma-nirvāṇam — Befreiung im Höchsten; vartate — gibt es; vidita-ātmanām — von denen, die selbstverwirklicht sind.

Translation

Denjenigen, die von Zorn und allen materiellen Wünschen frei sind, die selbstverwirklicht, selbstdiszipliniert und ständig um Vollkommenheit bemüht sind, ist in sehr naher Zukunft Befreiung im Höchsten sicher.

Purport

ERLÄUTERUNG: Von allen heiligen Menschen, die ohne Abweichung nach Erlösung streben, ist derjenige, der sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet, der beste. Dies wird im Bhāgavatam (4.22.39) wie folgt bestätigt:

yat-pāda-paṅkaja-palāśa-vilāsa-bhaktyā
karmāśayaṁ grathitam udgrathayanti santaḥ
tadvan na rikta-matayo yatayo ’pi ruddha-
sroto-gaṇās tam araṇaṁ bhaja vāsudevam

„Versuche einfach, Vāsudeva, die Höchste Persönlichkeit Gottes, durch hingebungsvollen Dienst zu verehren. Selbst große Weise sind nicht fähig, die Dränge der Sinne so wirksam zu beherrschen wie diejenigen, die transzendentale Glückseligkeit erfahren, indem sie den Lotosfüßen des Herrn dienen und so den tiefverwurzelten Wunsch nach fruchtbringenden Tätigkeiten entwurzeln.“

Der Wunsch, die Früchte der Arbeit zu genießen, ist in der bedingten Seele so tief verwurzelt, daß es selbst für große Weise – trotz harter Bemühung – sehr schwierig ist, diese Wünsche zu beherrschen. Ein Geweihter des Herrn, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein ohne Unterlaß hingebungsvollen Dienst darbringt und sich auf der vollkommenen Stufe der Selbstverwirklichung befindet, erreicht sehr schnell Befreiung im Höchsten. Weil er vollständiges Wissen über Selbstverwirklichung besitzt, bleibt er immer in Trance verankert. In diesem Zusammenhang gibt es einen schönen Vergleich:

darśana-dhyāna-saṁsparśair
matsya-kūrma-vihaṅgamāḥ
svāny apatyāni puṣṇanti
tathāham api padma-ja

„Allein durch Anblicken, Meditation und Berührung sorgen der Fisch, die Schildkröte und die Vögel für ihre Nachkommen. Und dasselbe gilt für mich, o Padmaja!“

Der Fisch zieht seine Nachkommen auf, indem er sie einfach anblickt, und die Schildkröte, indem sie einfach über sie meditiert. Die Schildkröte versteckt ihre Eier am Land und kehrt dann wieder ins Wasser zurück, wo sie aus der Distanz über ihre Eier meditiert. Ebenso ist der Gottgeweihte im Kṛṣṇa-Bewußtsein imstande, obwohl er vom Reich des Herrn weit entfernt ist, sich in dieses Reich zu erheben, indem er einfach ständig über den Herrn meditiert, das heißt, sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt. Er nimmt die Qualen der materiellen Leiden nicht wahr. Diese Stufe des Lebens wird brahma-nirvāṇa, die Abwesenheit materieller Leiden aufgrund ständiger Meditation über den Höchsten, genannt.

Text

sparśān kṛtvā bahir bāhyāṁś
cakṣuś caivāntare bhruvoḥ
prāṇāpānau samau kṛtvā
nāsābhyantara-cāriṇau
yatendriya-mano-buddhir
munir mokṣa-parāyaṇaḥ
vigatecchā-bhaya-krodho
yaḥ sadā mukta eva saḥ

Synonyms

sparśān — Sinnesobjekte, wie zum Beispiel Klang; kṛtvā — haltend; bahiḥ — äußere; bāhyān — unnötig; cakṣuḥ — Augen; ca — ebenfalls; eva — gewiß; antare — zwischen; bhruvoḥ — den Augenbrauen; prāṇa- apānau — die nach oben und nach unten strömende Luft; samau — in Aufhebung; kṛtvā — haltend; nāsa-abhyantara — in den Nasenöffnungen; cāriṇau — blasend; yata — beherrscht; indriya — Sinne; manaḥ — Geist; buddhiḥ — Intelligenz; muniḥ — der Transzendentalist; mokṣa — für Befreiung; parāyaṇaḥ — bestimmt für; vigata — aufgegeben habend; icchā — Begierden; bhaya — Angst; krodhaḥ — Zorn; yaḥ — jemand, der; sadā — immer; muktaḥ — befreit; eva — gewiß; saḥ — er ist.

Translation

Indem der Transzendentalist, der nach Befreiung strebt, alle äußeren Sinnesobjekte ausschließt, die Augen und den Blick zwischen die beiden Augenbrauen richtet, den ein- und ausströmenden Atem in den Nasenöffnungen zum Stillstand bringt und so Geist, Sinne und Intelligenz beherrscht, wird er von Begierden, Angst und Zorn frei. Wer sich immer in diesem Zustand befindet, ist gewiß befreit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Jemand, der Kṛṣṇa-Bewußtsein praktiziert, kann sogleich seine spirituelle Identität verstehen, und dann kann er durch seinen hingebungsvollen Dienst auch den Höchsten Herrn verstehen. Wenn man im hingebungsvollen Dienst verankert ist, gelangt man auf die transzendentale Ebene, auf der man qualifiziert ist, im Bereich seiner Tätigkeiten die Gegenwart des Herrn zu spüren. Diese Ebene wird Befreiung im Höchsten genannt.

Nachdem der Herr die obengenannten Prinzipien der Befreiung im Höchsten erklärt hat, unterweist Er Arjuna, wie man diese Ebene durch mystischen yoga, bekannt als aṣṭāṅga-yoga, erreichen kann. Dieser yoga ist in acht Stufen unterteilt: yama, niyama, āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra, dhāraṇā, dhyāna und samādhi. Eine ausführliche Beschreibung dieses yoga-Systems ist im Sechsten Kapitel zu finden; hier, am Ende des Fünften Kapitels, wird dieses Thema nur vorbereitend erklärt. Durch den yoga-Vorgang des pratyāhāra muß man sich von den Sinnesobjekten, wie Klang, Berührung, Form, Geschmack und Geruch, lösen, dann den Blick zwischen die beiden Augenbrauen richten und sich mit halbgeschlossenen Lidern auf die Nasenspitze konzentrieren. Es nützt nichts, die Augen ganz zu schließen, da dann immer die Möglichkeit besteht einzuschlafen. Auch nützt es nichts, die Augen vollständig zu öffnen, da dann die Gefahr besteht, von Sinnesobjekten angezogen zu werden. Die Atembewegung wird in den Nasenöffnungen angehalten, indem man die auf- und abströmende Luft im Körper neutralisiert. Durch die Ausübung solchen yogas erlangt man die Fähigkeit, die Sinne zu beherrschen, sich von äußeren Sinnesobjekten zurückzuziehen und sich so auf die Befreiung im Höchsten vorzubereiten.

Dieser yoga-Vorgang hilft einem, von allen Arten der Angst und des Zornes frei zu werden und so auf der transzendentalen Ebene die Gegenwart der Überseele wahrzunehmen. Mit anderen Worten, Kṛṣṇa- Bewußtsein ist der einfachste Vorgang, um die Prinzipien des yoga auszuführen. Dies wird im nächsten Kapitel ausführlich erklärt werden. Weil ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch immer im hingebungsvollen Dienst beschäftigt ist, besteht für ihn nicht die Gefahr, daß seine Sinne von irgendwelchen anderen Tätigkeiten abgelenkt werden. Deshalb ist dies eine bessere Methode der Sinnesbeherrschung als aṣṭāṅga-yoga.

Text

bhoktāraṁ yajña-tapasāṁ
sarva-loka-maheśvaram
suhṛdaṁ sarva-bhūtānāṁ
jñātvā māṁ śāntim ṛcchati

Synonyms

bhoktāram — der Nutznießer; yajña — von Opfern; tapasām — Bußen und Entsagungen; sarva-loka — aller Planeten und der Halbgötter auf ihnen; maha-īśvaram — der Höchste Herr; su-hṛdam — der Wohltäter; sarva — aller; bhūtānām — Lebewesen; jñātvā — auf diese Weise kennend; mām — Mich (Śrī Kṛṣṇa); śāntim — Linderung aller materiellen Qualen; ṛcchati — man erreicht.

Translation

Derjenige, der sich vollkommen über Mich bewußt ist und weiß, daß Ich der letztliche Nutznießer aller Opfer und Entsagungen, der Höchste Herr aller Planeten und Halbgötter und der Wohltäter und wohlmeinende Freund aller Lebewesen bin, erlangt Frieden von den Qualen des materiellen Daseins.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die bedingten Seelen, die sich in den Fängen der illusionierenden Energie befinden, sind alle bestrebt, in der materiellen Welt Frieden zu finden. Sie kennen jedoch die Friedensformel nicht, die in diesem Teil der Bhagavad-gītā erklärt wird. Die beste Friedensformel lautet einfach: Śrī Kṛṣṇa ist der Nutznießer aller menschlichen Tätigkeiten. Die Menschen sollten alles für den transzendentalen Dienst des Herrn opfern, denn Er ist der Besitzer aller Planeten und aller Halbgötter, die auf ihnen wohnen. Niemand ist größer als Er. Er ist größer als die größten der Halbgötter, Śiva und Brahmā. Dies wird in den Veden (Śvetāśvatara Upaniṣad 6.7) beschrieben: tam īśvarāṇāṁ paramaṁ maheśvaram. Im Banne der Illusion versuchen die Lebewesen, alles in ihrem Umkreis zu beherrschen; in Wirklichkeit aber werden sie von der materiellen Energie des Herrn beherrscht. Der Herr ist der Meister der materiellen Natur, und die bedingten Seelen unterstehen ihren strengen Regeln. Solange man diese einfachen Tatsachen nicht versteht, ist es nicht möglich, auf der Welt Frieden zu erreichen, weder individuell noch kollektiv. Dies ist der Grundgedanke des Kṛṣṇa-Bewußtseins: Śrī Kṛṣṇa ist der Höchste Herrscher, und alle Lebewesen, einschließlich der großen Halbgötter, sind Seine Untergebenen. Vollkommener Friede läßt sich nur in vollkommenem Kṛṣṇa-Bewußtsein finden.

Das Fünfte Kapitel ist eine praktische Erklärung des Kṛṣṇa-Bewußtseins, das allgemein als karma-yoga bezeichnet wird. Die Frage der mentalen Spekulanten, wie karma-yoga zu Befreiung führen kann, ist hiermit beantwortet. Im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln bedeutet, mit vollständigem Wissen über die Oberherrschaft des Herrn zu handeln. Solches Handeln ist nicht verschieden von transzendentalem Wissen. Direktes Kṛṣṇa-Bewußtsein ist bhakti-yoga, und jñāna-yoga ist ein Pfad, der zu bhakti-yoga führt. Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet, in vollständigem Bewußtsein über seine Beziehung zum Höchsten Absoluten zu handeln, und die Vollkommenheit dieses Bewußtseins besteht darin, vollständiges Wissen über Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, zu besitzen. Die reine Seele ist als fragmentarischer Teil Gottes dessen ewiger Diener, doch wenn sie den Wunsch entwickelt, über māyā zu herrschen, kommt sie mit māyā (Illusion) in Berührung, und das ist die Ursache ihrer vielen Leiden. Solange die Seele mit Materie in Berührung ist, muß sie entsprechend ihren materiellen Bedürfnissen handeln. Kṛṣṇa-Bewußtsein erhebt einen jedoch auf die Ebene des spirituellen Lebens, selbst wenn man sich noch im Einflußbereich der Materie befindet, denn Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet, durch praktisches Handeln in der materiellen Welt das spirituelle Dasein wiederzuerwecken. Je weiter man fortschreitet, desto mehr wird man aus der Gewalt der Materie befreit. Der Herr bevorzugt oder benachteiligt niemanden. Alles hängt davon ab, inwieweit man seine Pflichten im Kṛṣṇa-Bewußtsein praktisch erfüllt, was einem hilft, die Sinne in jeder Beziehung zu beherrschen und den Einfluß von Lust und Zorn zu bezwingen. Und jemand, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein einen solch festen Stand hat und die oben erwähnten Leidenschaften beherrscht, befindet sich tatsächlich auf der transzendentalen Ebene, der Ebene des brahma-nirvāṇa. Der achtfache Pfad des mystischen yoga ist im Kṛṣṇa-Bewußtsein automatisch mit eingeschlossen, weil man im Kṛṣṇa- Bewußtsein direkt das letztliche Ziel dieses Pfades erreicht. Durch das Beschreiten der acht Stufen von yama, niyama, āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra, dhāraṇā, dhyāna und samādhi kann man allmählich erhoben werden, doch dies sind nur Vorstufen der Vollkommenheit, die man durch hingebungsvollen Dienst erreichen kann. Nur hingebungsvoller Dienst kann dem Menschen Frieden bringen. Er ist die höchste Vollkommenheit des Lebens.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum Fünften Kapitel der Śrīmad Bhagavad-gītā mit dem Titel: „Karma-yoga – Handeln im Kṛṣṇa-Bewußtsein“.