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ACHTZEHNTES KAPITEL

Schlußfolgerung – die Vollkommenheit der Entsagung

Text

arjuna uvāca
sannyāsasya mahā-bāho
tattvam icchāmi veditum
tyāgasya ca hṛṣīkeśa
pṛthak keśi-niṣūdana

Synonyms

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; sannyāsasya — des Lebensstandes der Entsagung; mahā-bāho — o Starkarmiger; tattvam — die Wahrheit; icchāmi — ich wünsche; veditum — zu verstehen; tyāgasya — der Entsagung; ca — auch; hṛṣīkeśa — o Meister der Sinne; pṛthak — unterschiedlich; keśi-niṣūdana — o Töter des Keśī-Dämons.

Translation

Arjuna sagte: O Starkarmiger, ich möchte wissen, was das Ziel von Entsagung [tyāga] und dem Lebensstand der Entsagung [sannyāsa] ist, o Töter des Keśī-Dämons, o Meister der Sinne.

Purport

ERLÄUTERUNG: Eigentlich ist die Bhagavad-gītā mit dem Siebzehnten Kapitel abgeschlossen. Das Achtzehnte Kapitel ist eine ergänzende Zusammenfassung der Themen, die zuvor erörtert wurden. In jedem Kapitel der Bhagavad-gītā betont Śrī Kṛṣṇa, daß hingebungsvoller Dienst für die Höchste Persönlichkeit Gottes das endgültige Ziel des Lebens ist. Der gleiche Punkt wird hier im Achtzehnten Kapitel zusammenfassend als der vertraulichste Pfad des Wissens bezeichnet. In den ersten sechs Kapiteln wurde mit Nachdruck auf hingebungsvollen Dienst hingewiesen: yoginām api sarveṣām... „Von allen yogīs und Transzendentalisten ist derjenige, der ständig im Innern an Mich denkt, der beste.“ In den folgenden sechs Kapiteln wurden reiner hingebungsvoller Dienst, sein Wesen und seine Merkmale beschrieben. In den letzten sechs Kapiteln wurden Wissen, Entsagung, die Tätigkeiten der materiellen und der transzendentalen Natur und hingebungsvoller Dienst beschrieben. Es wurde die Schlußfolgerung gezogen, daß alle Handlungen in Beziehung zum Höchsten Herrn ausgeführt werden sollten, der von den Worten oṁ tat sat, die auf Viṣṇu, die Höchste Person, hinweisen, repräsentiert wird. Aus dem dritten Teil der Bhagavad-gītā geht hervor, daß hingebungsvoller Dienst, und nichts anderes, der höchste Sinn des Lebens ist. Dies wurde durch Zitate von ācāryas der Vergangenheit und durch Zitate aus dem Brahma-sūtra, dem Vedānta-sūtra, bestätigt. Gewisse Unpersönlichkeitsphilosophen glauben, sie hätten ein Monopol auf das Wissen des Vedānta-sūtra, doch in Wirklichkeit ist das Vedānta-sūtra dafür bestimmt, hingebungsvollen Dienst zu verstehen, denn der Herr Selbst ist der Verfasser und Kenner des Vedānta-sūtra. Dies wird im Fünfzehnten Kapitel beschrieben. In jeder Schrift, in jedem Veda, ist hingebungsvoller Dienst das Ziel. Das wird in der Bhagavad-gītā erklärt.

So wie im Zweiten Kapitel eine Übersicht über den gesamten Inhalt gegeben wurde, so gibt auch das Achtzehnte Kapitel eine Zusammenfassung aller Unterweisungen. Es wurde darauf hingewiesen, daß Entsagung und das Erreichen der transzendentalen Ebene, der Ebene jenseits der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur, der Sinn des Lebens sind. Arjuna möchte insbesondere diese beiden Themen der Bhagavad-gītā näher erklärt haben, nämlich Entsagung (tyāga) und den Lebensstand der Entsagung (sannyāsa). Aus diesem Grund fragt er nach der Bedeutung dieser beiden Begriffe.

Die beiden Namen, die in diesem Vers gebraucht werden, um den Höchsten Herrn anzusprechen – Hṛṣīkeśa und Keśi-niṣūdana –, sind von Bedeutung. Hṛṣīkeśa ist Kṛṣṇa, der Herr aller Sinne, der uns immer helfen kann, innere Zufriedenheit zu finden. Arjuna bittet Ihn, alles auf solche Weise zusammenzufassen, daß er seine Ausgeglichenheit bewahren könne. Aber dennoch hat er einige Zweifel, und Zweifel werden immer mit Dämonen verglichen. Deshalb spricht er Kṛṣṇa hier als Keśi-niṣūdana an. Keśī war ein großer Dämon, der von Kṛṣṇa getötet wurde. Jetzt erwartet Arjuna von Kṛṣṇa, daß Er auch den Dämon seines Zweifels töten werde.

Text

śrī-bhagavān uvāca
kāmyānāṁ karmaṇāṁ nyāsaṁ
sannyāsaṁ kavayo viduḥ
sarva-karma-phala-tyāgaṁ
prāhus tyāgaṁ vicakṣaṇāḥ

Synonyms

śrī-bhagavān uvāca — die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach; kāmyānām — mit Wunsch; karmaṇām — der Tätigkeiten; nyāsam — Entsagung; sannyāsam — die Lebensstufe der Entsagung; kavayaḥ — die Gelehrten; viduḥ — wissen; sarva — aller; karma — Tätigkeiten; phala — der Ergebnisse; tyāgam — Entsagung; prāhuḥ — nennen; tyāgam — Entsagung; vicakṣaṇāḥ — die Erfahrenen.

Translation

Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Alle Tätigkeiten, die in materiellen Wünschen gründen, aufzugeben ist das, was die großen Gelehrten als den Lebensstand der Entsagung [sannyāsa] bezeichnen. Und die Ergebnisse all seiner Tätigkeiten aufzugeben wird von den Weisen Entsagung [tyāga] genannt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Man sollte es aufgeben, etwas nur zu tun, um ein Ergebnis zu bekommen. So lautet die Unterweisung der Bhagavad-gītā. Doch Tätigkeiten, die zu fortgeschrittenem spirituellem Wissen führen, sollten nicht aufgegeben werden. Dies wird aus den nächsten Versen klar hervorgehen. In den vedischen Schriften gibt es viele Anweisungen in bezug auf Opferhandlungen, die ausgeführt werden, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. So gibt es zum Beispiel Opfer, die ausgeführt werden, weil man sich einen guten Sohn wünscht oder weil man auf höhere Planeten erhoben werden will; doch solche Opfer, die aufgrund materieller Wünsche ausgeführt werden, sollte man aufgeben. Opfer jedoch, die das Herz reinigen und zu Fortschritt in der spirituellen Wissenschaft führen, sollte man nicht aufgeben.

Text

tyājyaṁ doṣa-vad ity eke
karma prāhur manīṣiṇaḥ
yajña-dāna-tapaḥ-karma
na tyājyam iti cāpare

Synonyms

tyājyam — müssen aufgegeben werden; doṣa-vat — als ein Übel; iti — so; eke — eine Gruppe; karma — Tätigkeit; prāhuḥ — sie sagen; manīṣiṇaḥ — große Denker; yajña — Opferhandlung; dāna — Wohltätigkeit; tapaḥ — und Buße; karma — Tätigkeiten von; na — niemals; tyājyam — sollten aufgegeben werden; iti — so; ca — und; apare — andere.

Translation

Einige Gelehrte erklären, daß alle Arten fruchtbringender Tätigkeiten Illusion seien und daher aufgegeben werden sollten; doch andere Weise sind der Meinung, Opferhandlungen, Wohltätigkeit und Buße sollten niemals aufgegeben werden.

Purport

ERLÄUTERUNG: In den vedischen Schriften werden viele Tätigkeiten erwähnt, die Anlaß zu Kontroversen geben. Zum Beispiel heißt es, in einem Opfer dürfe ein Tier getötet werden, und andere vertreten die Ansicht, das Töten von Tieren sei in jedem Falle verwerflich. In den vedischen Schriften werden Tieropfer zwar empfohlen, doch das geopferte Tier galt nicht als getötet. Das Opfer sollte dem Tier ein neues Leben schenken. Manchmal wird dem Tier, nachdem es im Opfer getötet wurde, ein neues tierisches Leben gegeben, und manchmal wird es sofort zur menschlichen Lebensform erhoben. Trotzdem gibt es unter den Weisen unterschiedliche Auffassungen. Einige sagen, das Töten von Tieren solle immer vermieden werden, wohingegen andere sagen, daß dies für ein bestimmtes Opfer zu empfehlen sei. All diese verschiedenen Ansichten über Opferhandlungen werden jetzt vom Herrn Selbst geklärt.

Text

niścayaṁ śṛṇu me tatra
tyāge bharata-sattama
tyāgo hi puruṣa-vyāghra
tri-vidhaḥ samprakīrtitaḥ

Synonyms

niścayam — Gewißheit; śṛṇu — höre; me — von Mir; tatra — in dieser Hinsicht; tyāge — in bezug auf Entsagung; bharata-sat-tama — o bester der Bhāratas; tyāgaḥ — Entsagung; hi — gewiß; puruṣa-vyāghra — o Tiger unter den Menschen; tri-vidhaḥ — von dreierlei Art; samprakīrtitaḥ — wird erklärt.

Translation

O bester der Bhāratas, höre nun Mein Urteil über Entsagung. O Tiger unter den Menschen, die Schriften erklären, daß es dreierlei Arten von Entsagung gibt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Über Entsagung gibt es verschiedene Auffassungen, doch hier verkündet Śrī Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, Sein Urteil, das als endgültig akzeptiert werden sollte. Selbst die Veden sind nichts anderes als Gesetze, die von Ihm gegeben wurden, und hier ist Er persönlich gegenwärtig. Deshalb sollten die Worte des Herrn als endgültig akzeptiert werden. Der Herr sagt hier, daß man entsprechend den Erscheinungsweisen der materiellen Natur zwischen verschiedenen Arten von Entsagung unterscheiden muß.

Text

yajña-dāna-tapaḥ-karma
na tyājyaṁ kāryam eva tat
yajño dānaṁ tapaś caiva
pāvanāni manīṣiṇām

Synonyms

yajña — Opferhandlung; dāna — Wohltätigkeit; tapaḥ — und Buße; karma — Tätigkeit von; na — niemals; tyājyam — sollten aufgegeben werden; kāryam — müssen getan werden; eva — gewiß; tat — dies; yajñaḥ — Opfer; dānam — Wohltätigkeit; tapaḥ — Buße; ca — auch; eva — gewiß; pāvanāni — läuternd; manīṣiṇām — sogar für die großen Seelen.

Translation

Opferhandlungen, Wohltätigkeit und Bußen sollten niemals aufgegeben werden; man muß sie ausführen. Opfer, Wohltätigkeit und Bußen läutern in der Tat sogar die großen Seelen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Yogīs sollten für den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft tätig sein. Es gibt viele Läuterungsvorgänge, um einen Menschen zum spirituellen Leben zu erheben. Die Zeremonie der Hochzeit zum Beispiel gilt als eines dieser Opfer. Sie wird vivāha-yajña genannt. Soll ein sannyāsī, der im Lebensstand der Entsagung steht und alle Familienverbindungen aufgegeben hat, andere zu dieser Heiratszeremonie ermutigen? Der Herr sagt hier, daß kein Opfer, das für das Wohl der Menschen bestimmt ist, jemals aufgegeben werden sollte. Vivāha-yajña, die Hochzeitszeremonie, ist dafür gedacht, den menschlichen Geist zu regulieren, so daß er den notwendigen Frieden findet, um spirituellen Fortschritt zu machen. Den meisten Männern sollte zu diesem vivāha-yajña geraten werden – sogar von Menschen im Lebensstand der Entsagung. Sannyāsīs sollten niemals mit Frauen Umgang haben, aber das bedeutet nicht, daß ein junger Mann, der sich in einem niedrigeren Lebensstand befindet, keine Frau durch die Hochzeitszeremonie annehmen soll. Alle vorgeschriebenen Opfer sind dafür bestimmt, es dem Menschen zu ermöglichen, den Höchsten Herrn zu erreichen. Deshalb sollten diese Opfer auf den unteren Stufen nicht aufgegeben werden. Ebenso ist Wohltätigkeit für die Reinigung des Herzens bestimmt. Wenn man geeigneten Menschen Spenden gibt, wie dies zuvor beschrieben wurde, so führt dies zu Fortschritt im spirituellen Leben.

Text

etāny api tu karmāṇi
saṅgaṁ tyaktvā phalāni ca
kartavyānīti me pārtha
niścitaṁ matam uttamam

Synonyms

etāni — all diese; api — gewiß; tu — aber; karmāṇi — Tätigkeiten; saṅgam — Gemeinschaft; tyaktvā — aufgebend; phalāni — Ergebnisse; ca — auch; kartavyāni — sollten als Pflicht getan werden; iti — so; me — Meine; pārtha — o Sohn Pṛthās; niścitam — endgültige; matam — Meinung; uttamam — die beste.

Translation

All diese Tätigkeiten sollten ohne Anhaftung ausgeführt werden, ohne dafür ein Ergebnis zu erwarten. Sie sollten allein aus Pflichtgefühl ausgeführt werden, o Sohn Pṛthās. Das ist Meine endgültige Meinung.

Purport

ERLÄUTERUNG: Obwohl alle Opfer eine läuternde Wirkung haben, sollte man sie ausführen, ohne dafür ein Ergebnis zu erwarten. Mit anderen Worten, alle Opfer, die für materiellen Fortschritt im Leben bestimmt sind, sollten aufgegeben werden; aber Opfer, die das Dasein läutern und einen zur spirituellen Ebene erheben, sollten keinesfalls aufgegeben werden. Alles, was den Menschen zum Kṛṣṇa-Bewußt sein führt, muß gefördert werden. Auch im Śrīmad-Bhāgavatam heißt es, man solle jede Tätigkeit, die einen zum hingebungsvollen Dienst des Herrn führt, annehmen. Das ist das höchste Kriterium der Religion. Ein Gottgeweihter sollte jede Art von Arbeit, Opfer und Wohltätigkeit ausführen, die ihm bei der Ausübung seines hingebungsvollen Dienstes hilft.

Text

niyatasya tu sannyāsaḥ
karmaṇo nopapadyate
mohāt tasya parityāgas
tāmasaḥ parikīrtitaḥ

Synonyms

niyatasya — vorgeschriebene; tu — aber; sannyāsaḥ — Entsagung; karmaṇaḥ — der Tätigkeiten; na — niemals; upapadyate — ist verdient; mohāt — aufgrund von Illusion; tasya — von ihnen; parityāgaḥ — Entsagung; tāmasaḥ — in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; parikīrtitaḥ — wird bezeichnet als.

Translation

Vorgeschriebene Pflichten sollten niemals aufgegeben werden. Wenn man aufgrund von Illusion seine vorgeschriebenen Pflichten aufgibt, befindet sich solche Entsagung in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Tätigkeiten, die materielle Befriedigung zum Ziel haben, müssen aufgegeben werden, doch Tätigkeiten, die einen auf die Ebene des spirituellen Handelns erheben, wie zum Beispiel für den Höchsten Herrn zu kochen, Ihm die Speise zu opfern und danach die geopferte Nahrung zu sich zu nehmen, werden empfohlen. Es wird gesagt, daß ein Mensch im Lebensstand der Entsagung nicht für sich selbst kochen sollte. Es ist verboten, für sich selbst zu kochen, aber es ist nicht verboten, für den Höchsten Herrn zu kochen. In ähnlicher Weise kann ein sannyāsī auch eine Hochzeitszeremonie durchführen, um seinem Schüler zu helfen, im Kṛṣṇa-Bewußtsein Fortschritt zu machen. Wenn jemand solche Tätigkeiten aufgibt, muß man verstehen, daß er in der Erscheinungsweise der Dunkelheit handelt.

Text

duḥkham ity eva yat karma
kāya-kleśa-bhayāt tyajet
sa kṛtvā rājasaṁ tyāgaṁ
naiva tyāga-phalaṁ labhet

Synonyms

duḥkham — unglücklich; iti — so; eva — gewiß; yat — die; karma — Tätigkeit; kāya — für den Körper; kleśa — Mühe; bhayāt — aus Angst; tyajet — gibt auf; saḥ — er; kṛtvā — nachdem er getan hat; rājasam — in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; tyāgam — Entsagung; na — nicht; eva — gewiß; tyāga — der Entsagung; phalam — die Ergebnisse; labhet — gewinnt.

Translation

Wer seine vorgeschriebenen Pflichten aufgibt, weil sie ihm zu mühsam erscheinen oder weil er sich vor körperlichen Unannehmlichkeiten fürchtet, gilt als jemand, dessen Entsagung sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft befindet. Durch solches Handeln erlangt man niemals den Fortschritt der Entsagung.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein sollte nicht aufhören, Geld zu verdienen, nur weil er sich fürchtet, fruchtbringende Tätigkeiten zu verrichten. Wenn man das Geld, das man durch seine Arbeit verdient, im Kṛṣṇa-Bewußtsein verwenden kann oder wenn man durch frühes Aufstehen sein transzendentales Kṛṣṇa-Bewußtsein fördern kann, sollte man von diesen Tätigkeiten nicht Abstand nehmen, nur weil man irgendwelche Befürchtungen hat oder weil einem solche Tätigkeiten mühevoll erscheinen. Solche Entsagung befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Das Ergebnis von Tätigkeiten unter dem Einfluß von Leidenschaft ist immer leidvoll. Wenn jemand seiner Arbeit mit dieser Geisteshaltung entsagt, wird er nie die Ergebnisse wahrer Entsagung bekommen.

Text

kāryam ity eva yat karma
niyataṁ kriyate ’rjuna
saṅgaṁ tyaktvā phalaṁ caiva
sa tyāgaḥ sāttviko mataḥ

Synonyms

kāryam — muß getan werden; iti — so; eva — in der Tat; yat — welche; karma — Tätigkeit; niyatam — vorgeschrieben; kriyate — wird ausgeführt; arjuna — o Arjuna; saṅgam — Gemeinschaft; tyaktvā — aufgebend; phalam — das Ergebnis; ca — auch; eva — gewiß; saḥ — diese; tyāgaḥ — Entsagung; sāttvikaḥ — in der Erscheinungsweise der Tugend; mataḥ — Meiner Ansicht nach.

Translation

O Arjuna, wenn jemand seine vorgeschriebene Pflicht erfüllt, einfach weil sie getan werden muß, und alle materielle Gemeinschaft und alle Anhaftung an das Ergebnis aufgibt, dann heißt es, daß sich seine Entsagung in der Erscheinungsweise der Tugend befindet.

Purport

ERLÄUTERUNG: Vorgeschriebene Pflichten müssen in diesem Bewußtsein ausgeführt werden. Man sollte handeln, ohne am Ergebnis zu haften; man sollte sich nicht von den Erscheinungsweisen seiner Arbeit beeinflussen lassen. Wenn jemand, der Kṛṣṇa-bewußt ist, in einer Fabrik arbeitet, identifiziert er sich weder mit seiner Arbeit noch mit den Arbeitern der Fabrik. Er arbeitet einfach nur für Kṛṣṇa. Und weil er das Ergebnis seiner Tätigkeit Kṛṣṇa hingibt, befindet sich seine Tätigkeit auf der transzendentalen Ebene.

Text

na dveṣṭy akuśalaṁ karma
kuśale nānuṣajjate
tyāgī sattva-samāviṣṭo
medhāvī chinna-saṁśayaḥ

Synonyms

na — weder; dveṣṭi — haßt; akuśalam — unglückbringende; karma — Tätigkeit; kuśale — an glückbringende; na — noch; anuṣajjate — wird angehaftet; tyāgī — der Entsagende; sattva — in Tugend; samāviṣṭaḥ — vertieft; medhāvī — intelligent; chinna — durchtrennt habend; saṁśayaḥ — alle Zweifel.

Translation

Der intelligente Entsagende in der Erscheinungsweise der Tugend, der weder unglückbringende Tätigkeiten haßt noch an glückbringenden Tätigkeiten haftet, kennt in seinen Handlungen keine Zweifel.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein oder in der Erscheinungsweise der Tugend haßt nichts, was seinem Körper Schwierigkeiten bereitet. Er führt seine Tätigkeiten am richtigen Ort und zur richtigen Zeit aus, ohne sich vor den Mühen zu fürchten, die die Erfüllung seiner Pflicht mit sich bringt. Ein solcher Mensch, der die Transzendenz erreicht hat, muß als Mensch mit höchster Intelligenz angesehen werden, als jemand, der sich in seinen Handlungen jenseits aller Zweifel befindet.

Text

na hi deha-bhṛtā śakyaṁ
tyaktuṁ karmāṇy aśeṣataḥ
yas tu karma-phala-tyāgī
sa tyāgīty abhidhīyate

Synonyms

na — nie; hi — gewiß; deha-bhṛtā — von dem Verkörperten; śakyam — es ist möglich; tyaktum — entsagt zu sein; karmāṇi — Tätigkeiten; aśeṣataḥ — alle zusammen; yaḥ — jemand, der; tu — aber; karma — von Tätigkeiten; phala — des Ergebnisses; tyāgī — der Entsagende; saḥ — er; tyāgī — der Entsagende; iti — so; abhidhīyate — wird genannt.

Translation

Für ein verkörpertes Wesen ist es in der Tat unmöglich, alle Tätigkeiten aufzugeben. Aber wer den Früchten seiner Tätigkeiten entsagt, gilt als jemand, der wahre Entsagung ausführt.

Purport

ERLÄUTERUNG: In der Bhagavad-gītā wird gesagt, daß man zu keiner Zeit aufhören kann, tätig zu sein. Wahre Entsagung bedeutet deshalb, für Kṛṣṇa zu arbeiten und die fruchttragenden Ergebnisse nicht selbst zu genießen, sondern sie alle zu Kṛṣṇa zu opfern. Es gibt viele Mitglieder der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein, die in einem Büro, in einer Fabrik oder an irgendeinem anderen Ort sehr hart arbeiten und ihren ganzen Verdienst der Gesellschaft zur Verfügung stellen. Diese Seelen befinden sich auf einer sehr hohen Ebene; sie sind eigentlich sannyāsīs und befinden sich im Lebensstand der Entsagung. Es wird hier klar gesagt, wie man den Früchten seiner Tätigkeiten entsagen soll und für welchen Zweck dies geschehen soll.

Text

aniṣṭam iṣṭaṁ miśraṁ ca
tri-vidhaṁ karmaṇaḥ phalam
bhavaty atyāgināṁ pretya
na tu sannyāsināṁ kvacit

Synonyms

aniṣṭam — zur Hölle führend; iṣṭam — zum Himmel führend; miśram — vermischt; ca — und; tri-vidham — von dreierlei Art; karmaṇaḥ — der Tätigkeit; phalam — das Ergebnis; bhavati — kommt; atyāginām — für diejenigen, die nicht entsagt sind; pretya — nach dem Tod; na — nicht; tu — aber; sannyāsinām — für jene im Lebensstand der Entsagung; kvacit — zu irgendeiner Zeit.

Translation

Jemandem, der nicht entsagungsvoll ist, fallen nach dem Tod die dreifachen Früchte des Handelns zu – wünschenswerte, unerwünschte und vermischte. Diejenigen aber, die im Lebensstand der Entsagung stehen, brauchen solche Ergebnisse nicht zu erleiden oder zu genießen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein, der im Wissen um seine Beziehung zu Kṛṣṇa handelt, ist immer befreit. Deshalb braucht er nach dem Tod die Ergebnisse seiner Handlungen weder zu genießen noch zu erleiden.

Text

pañcaitāni mahā-bāho
kāraṇāni nibodha me
sāṅkhye kṛtānte proktāni
siddhaye sarva-karmaṇām

Synonyms

pañca — fünf; etāni — diese; mahā-bāho — o Starkarmiger; kāraṇāni — Ursachen; nibodha — verstehe; me — von Mir; sāṅkhye — im Vedānta; kṛta-ante — in der Schlußfolgerung; proktāni — gesagt; siddhaye — für die Vollkommenheit; sarva — aller; karmaṇām — Tätigkeiten.

Translation

O starkarmiger Arjuna, gemäß dem Vedānta gibt es fünf Ursachen für die Ausführung einer jeden Tätigkeit. Höre nun von Mir darüber.

Purport

ERLÄUTERUNG: In diesem Zusammenhang könnte die folgende Frage auftauchen: Wenn auf jede Tätigkeit gezwungenermaßen eine Reaktion folgt, wie kommt es dann, daß ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein auf sein Handeln keine Reaktionen genießen oder erleiden muß? Um zu erklären, wie dies möglich ist, zitiert der Herr die Philosophie des Vedānta. Er sagt, daß es für alle Tätigkeiten fünf Ursachen gibt, und um in jeder Tätigkeit Erfolg zu haben, sollte man sich über diese fünf Ursachen bewußt sein. Sāṅkhya bedeutet der Stamm des Wissens, und der Vedānta ist der letztliche und maßgebende Stamm des Wissens, was von allen führenden ācāryas erkannt wird. Sogar Śaṅkara erkannte das Vedānta-sūtra als die letztliche Autorität an. Man sollte deshalb eine solche autoritative Schrift zu Rate ziehen.

Die letztliche Macht und Führung liegt bei der Überseele. Dies wird in der Bhagavad-gītā bestätigt: sarvasya cāhaṁ hṛdi sanniviṣṭaḥ. Die Überseele beschäftigt jeden mit bestimmten Tätigkeiten, indem Sie ihn an seine vergangenen Tätigkeiten erinnert. Und Kṛṣṇa-bewußte Tätigkeiten, die nach der inneren Weisung der Überseele ausgeführt werden, bringen weder im gegenwärtigen Leben noch im Leben nach dem Tod Reaktionen mit sich.

Text

adhiṣṭhānaṁ tathā kartā
karaṇaṁ ca pṛthag-vidham
vividhāś ca pṛthak ceṣṭā
daivaṁ caivātra pañcamam

Synonyms

adhiṣṭhānam — der Ort; tathā — auch; kartā — der Handelnde; karaṇam — Werkzeuge; ca — und; pṛthak-vidham — von verschiedener Art; vividhāḥ — unterschiedliche; ca — und; pṛthak — gesonderte; ceṣṭāḥ — die Bemühungen; daivam — der Höchste; ca — auch; eva — gewiß; atra — hier; pañcamam — der fünfte.

Translation

Der Ort der Handlung [der Körper], der Ausführende, die verschiedenen Sinne, die vielen verschiedenen Arten von Bemühungen und letztlich die Überseele – dies sind die fünf Faktoren einer Handlung.

Purport

ERLÄUTERUNG: Das Wort adhiṣṭhānam bezieht sich auf den Körper. Die Seele im Körper ist aktiv, um die Ergebnisse von Tätigkeiten zu ermöglichen, und deshalb wird sie als kartā, „der Handelnde“, bezeichnet. Daß die Seele der Kenner und der Handelnde ist, wird in der śruti bestätigt: eṣa hi draṣṭā sraṣṭā (Praśna Upaniṣad 4.9). Dasselbe wird im Vedānta-sūtra von den folgenden Versen bestätigt: jño ’ta eva (2.3.18) und kartā śāstrārthavattvāt (2.3.33). Die Werkzeuge der Handlung sind die Sinne, und durch die Sinne handelt die Seele auf verschiedene Weise. Für jede einzelne Handlung wird eine unterschiedliche Bemühung unternommen. Doch alle Tätigkeiten sind vom Willen der Überseele abhängig, die als Freund im Herzen weilt. Der Höchste Herr ist die höchste Ursache. Dies sind die Gründe, warum derjenige, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein unter der Anleitung der Überseele im Herzen handelt, von keiner Tätigkeit gebunden wird. Diejenigen, die völlig Kṛṣṇa-bewußt sind, sind letztlich für ihre Tätigkeiten nicht verantwortlich. Alles ist vom höchsten Willen, der Überseele, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, abhängig.

Text

śarīra-vāṅ-manobhir yat
karma prārabhate naraḥ
nyāyyaṁ vā viparītaṁ vā
pañcaite tasya hetavaḥ

Synonyms

śarīra — vom Körper; vāk — Sprache; manobhiḥ — und Geist; yat — der; karma — Handlung; prārabhate — beginnt; naraḥ — ein Mensch; nyāyyam — richtig; — oder; viparītam — das Gegenteil; — oder; pañca — fünf; ete — all diese; tasya — seine; hetavaḥ — Ursachen.

Translation

Jede richtige oder falsche Handlung, die ein Mensch mit Körper, Geist oder Worten ausführt, wird von diesen fünf Faktoren verursacht.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die Worte „richtig“ und „falsch“ sind in diesem Vers sehr bedeutsam. Richtiges Handeln ist Handeln im Einklang mit den in den Schriften vorgeschriebenen Richtlinien, und falsches Handeln ist Handeln entgegen den Prinzipien der Schriften. Aber in jedem Fall sind diese fünf Faktoren erforderlich, damit eine Handlung vollständig ausgeführt werden kann.

Text

tatraivaṁ sati kartāram
ātmānaṁ kevalaṁ tu yaḥ
paśyaty akṛta-buddhitvān
na sa paśyati durmatiḥ

Synonyms

tatra — dort; evam — so; sati — seiend; kartāram — der Handelnde; ātmānam — sich selbst; kevalam — einziger; tu — aber; yaḥ — jeder, der; paśyati — sieht; akṛta-buddhitvāt — aufgrund von Unintelligenz; na — niemals; saḥ — er; paśyati — sieht; durmatiḥ — töricht.

Translation

Daher ist jemand, der sich für den alleinigen Handelnden hält und diese fünf Faktoren nicht in Betracht zieht, gewiß nicht sehr intelligent und kann die Dinge nicht so sehen, wie sie sind.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein törichter Mensch kann nicht verstehen, daß die Überseele als Freund in seinem Innern weilt und seine Handlungen lenkt. Der Ort, der Ausführende, die Bemühung und die Sinne sind zwar die materiellen Ursachen, aber die endgültige Ursache ist der Höchste, die Persönlichkeit Gottes. Deshalb sollte man nicht nur die vier materiellen Ursachen sehen, sondern auch die höchste wirkende Ursache. Wer den Höchsten nicht sieht, hält sich selbst für den Handelnden.

Text

yasya nāhaṅkṛto bhāvo
buddhir yasya na lipyate
hatvāpi sa imāḻ lokān
na hanti na nibadhyate

Synonyms

yasya — jemand, dessen; na — niemals; ahaṅkṛtaḥ — des falschen Ego; bhāvaḥ — Natur; buddhiḥ — Intelligenz; yasya — jemand, dessen; na — niemals; lipyate — ist angehaftet; hatvā — tötend; api — sogar; saḥ — er; imān — diese; lokān — Welt; na — niemals; hanti — tötet; na — niemals; nibadhyate — wird verstrickt.

Translation

Jemand, der nicht vom falschen Ego motiviert ist und dessen Intelligenz nie in Verwirrung gerät, tötet nicht, selbst wenn er in dieser Welt Menschen tötet. Und er wird durch seine Handlungen auch nicht gebunden.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Herr gibt Arjuna in diesem Vers zu verstehen, daß sein Wunsch, nicht zu kämpfen, dem falschen Ego entspringt. Arjuna hielt sich selbst für den Handelnden, wobei er jedoch vergaß, die innere und äußere Sanktion des Höchsten zu berücksichtigen. Und wenn jemand nicht weiß, daß es eine höchste Sanktion gibt, stellt sich die Frage, warum er überhaupt handeln soll. Doch jemand, der die Faktoren einer Handlung kennt – die Werkzeuge der Handlung, sich selbst als den Handelnden und den Herrn als den höchsten Sanktionierenden –, ist in allem, was er tut, vollkommen. Ein solcher Mensch ist nie in Illusion. Unabhängiges Handeln und die daraus entstehende Verantwortung sind auf falsches Ego und auf Gottlosigkeit zurückzuführen, das heißt auf einen Mangel an Kṛṣṇa-Bewußtsein. Jemand, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein unter der Führung der Überseele, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, handelt, tötet nicht, obwohl er tötet. Er wird auch nie von der Reaktion auf solches Töten beeinflußt. Wenn ein Soldat auf Befehl eines höheren Offiziers tötet, ist er keiner Bestrafung ausgesetzt; wenn er aber aus eigenem Interesse tötet, wird er zweifellos von einem Gericht verurteilt.

Text

jñānaṁ jñeyaṁ parijñātā
tri-vidhā karma-codanā
karaṇaṁ karma karteti
tri-vidhaḥ karma-saṅgrahaḥ

Synonyms

jñānam — Wissen; jñeyam — der Gegenstand des Wissens; parijñātā — der Wissende; tri-vidhā — von dreierlei Art; karma — der Handlung; codanā — der Antrieb; karaṇam — die Sinne; karma — die Handlung; kartā — der Handelnde; iti — so; tri-vidhaḥ — von dreierlei Art; karma — der Handlung; saṅgrahaḥ — die Gesamtheit.

Translation

Wissen, der Gegenstand des Wissens und der Wissende sind die drei Faktoren, die eine Handlung hervorrufen. Die Sinne, die Tätigkeit und der Ausführende sind die drei Komponenten einer Handlung.

Purport

ERLÄUTERUNG: Für jede tägliche Handlung gibt es drei verschiedene Antriebe: Wissen, den Gegenstand des Wissens und den Wissenden. Die Werkzeuge der Handlung, die Handlung selbst und der Handelnde werden die Komponenten der Handlung genannt. Jede von Menschen ausgeführte Handlung beinhaltet diese Elemente. Bevor man handelt, ist ein Antrieb vorhanden, der Inspiration genannt wird. Jede Schlußfolgerung, zu der man bereits vor der eigentlichen Handlung kommt, ist nichts anderes als eine feinstoffliche Form dieser Handlung. Dann wird diese Handlung in die Tat umgesetzt. Zunächst finden die psychischen Vorgänge des Denkens, Fühlens und Wollens statt, und dies wird als Antrieb bezeichnet. Was die Inspiration zur Handlung betrifft, so ist sie dieselbe, ob sie von den Schriften oder von der Unterweisung des spirituellen Meisters kommt. Wenn die Inspiration und der Handelnde zusammentreffen, kommt die eigentliche Handlung mit Hilfe der Sinne zustande, zu denen der Geist gehört, der das Zentrum aller Sinne ist. All diese Komponenten einer Tätigkeit werden zusammen „die Gesamtheit der Handlung“ genannt.

Text

jñānaṁ karma ca kartā ca
tridhaiva guṇa-bhedataḥ
procyate guṇa-saṅkhyāne
yathāvac chṛṇu tāny api

Synonyms

jñānam — Wissen; karma — Handlung; ca — auch; kartā — der Handelnde; ca — auch; tridhā — von dreierlei Art; eva — gewiß; guṇa-bhedataḥ — entsprechend den verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur; procyate — werden genannt; guṇa-saṅkhyāne — in Beziehung zu den verschiedenen Erscheinungsweisen; yathā-vat — wie sie sind; śṛṇu — höre; tāni — sie alle; api — auch.

Translation

Entsprechend den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur gibt es drei Arten von Wissen, von Handlung und von Handelnden. Höre nun von Mir darüber.

Purport

ERLÄUTERUNG: Im Vierzehnten Kapitel wurden die drei Unterteilungen der Erscheinungsweisen der materiellen Natur ausführlich beschrieben. In diesem Kapitel hieß es, daß die Erscheinungsweise der Tugend zu Erleuchtung führt, die Erscheinungsweise der Leidenschaft zu einer materialistischen Lebenshaltung und die Erscheinungsweise der Unwissenheit zu Trägheit und Gleichgültigkeit. Alle Erscheinungsweisen der materiellen Natur binden das Lebewesen; sie führen nicht zu Befreiung. Sogar die Erscheinungsweise der Tugend stellt einen bedingten Zustand dar. Im Siebzehnten Kapitel wurden die verschiedenen Arten der Verehrung beschrieben, die von Menschen unter dem Einfluß der verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur ausgeführt werden. Im vorliegenden Vers sagt der Herr nun, Er wolle über die verschiedenen Arten des Wissens, der Handelnden und der Handlungen selbst sprechen, so wie sie den drei materiellen Erscheinungsweisen zuzuordnen sind.

Text

sarva-bhūteṣu yenaikaṁ
bhāvam avyayam īkṣate
avibhaktaṁ vibhakteṣu
taj jñānaṁ viddhi sāttvikam

Synonyms

sarva-bhūteṣu — in allen Lebewesen; yena — durch das; ekam — eine einzige; bhāvam — Natur; avyayam — unvergänglich; īkṣate — man sieht; avibhaktam — ungeteilt; vibhakteṣu — unzählige Male geteilt; tat — dieses; jñānam — Wissen; viddhi — wisse; sāttvikam — in der Erscheinungsweise der Tugend.

Translation

Jenes Wissen, durch das die eine ungeteilte spirituelle Natur in allen Lebewesen gesehen wird, obwohl sie in unzählige Formen aufgeteilt sind, solltest du als Wissen in der Erscheinungsweise der Tugend betrachten.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein Mensch, der in jedem Lebewesen – ob Halbgott, Mensch, Vogel, Landtier, Wassertier oder Pflanze – die spirituelle Seele sieht, verfügt über Wissen in der Erscheinungsweise der Tugend. In allen Lebewesen ist eine spirituelle Seele gegenwärtig, wenngleich sie ihren vergangenen Tätigkeiten gemäß unterschiedliche Körper angenommen haben. Wie im Siebten Kapitel beschrieben wird, manifestiert sich die lebendige Kraft in allen Körpern aufgrund der höheren Energie des Höchsten Herrn. Wenn man daher sieht, daß diese eine höhere Natur, die Lebenskraft, in jedem Körper gegenwärtig ist, sieht man in der Erscheinungsweise der Tugend. Diese lebendige Energie ist unvergänglich, obwohl die Körper vergänglich sind. Unterschiede werden in bezug auf den Körper wahrgenommen; nur weil es im bedingten Leben so viele Formen des materiellen Daseins gibt, scheint die Lebenskraft aufgeteilt zu sein. Dieses unpersönliche Wissen ist ebenfalls ein Aspekt der Selbsterkenntnis.

Text

pṛthaktvena tu yaj jñānaṁ
nānā-bhāvān pṛthag-vidhān
vetti sarveṣu bhūteṣu
taj jñānaṁ viddhi rājasam

Synonyms

pṛthaktvena — aufgrund von Aufteilung; tu — aber; yat — welches; jñānam — Wissen; nānā-bhāvān — vielfältige Situationen; pṛthak-vidhān — unterschiedlich; vetti — weiß; sarveṣu — in allen; bhūteṣu — Lebewesen; tat — dieses; jñānam — Wissen; viddhi — muß betrachtet werden; rājasam — in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

Translation

Jenes Wissen, durch das man in jedem einzelnen Körper eine unterschiedliche Art von Lebewesen sieht, solltest du als Wissen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft betrachten.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die Auffassung, der materielle Körper sei das Lebewesen und mit der Zerstörung des Körpers werde auch das Bewußtsein zerstört, ist Wissen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Gemäß diesem Wissen unterscheiden sich die Körper nur aufgrund der Entwicklung verschiedener Arten von Bewußtsein, und es gebe keine gesonderte Seele, die Bewußtsein manifestiere; der Körper sei selbst die Seele und jenseits des Körpers gebe es keine getrennte Seele. Solche Theorien besagen, Bewußtsein sei zeitweilig oder es gebe keine individuellen Seelen, sondern nur eine alldurchdringende Seele, die voller Wissen sei, und der Körper sei eine Manifestation zeitweiliger Unwissenheit. Wieder andere Theorien besagen, jenseits des Körpers existiere keine gesonderte individuelle Seele und auch keine höchste Seele. All diese Vorstellungen werden als Produkt der Erscheinungsweise der Leidenschaft angesehen.

Text

yat tu kṛtsna-vad ekasmin
kārye saktam ahaitukam
atattvārtha-vad alpaṁ ca
tat tāmasam udāhṛtam

Synonyms

yat — das, was; tu — aber; kṛtsna-vat — als ein und alles; ekasmin — an eine; kārye — Tätigkeit; saktam — angehaftet; ahaitukam — ohne Ursache; atattva-artha-vat — ohne Wissen über die Realität; alpam — sehr dürftig; ca — und; tat — dieses; tāmasam — in der Erscheinungsweise der Dunkelheit; udāhṛtam — gilt als.

Translation

Und das Wissen, durch das man, ohne Wissen von der Wahrheit, an einer bestimmten Art von Tätigkeit haftet und denkt, sie sei das ein und alles, dieses Wissen, das nur sehr dürftig ist, gilt als Wissen in der Erscheinungsweise der Dunkelheit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Das „Wissen“ des gewöhnlichen Menschen befindet sich immer in der Erscheinungsweise der Dunkelheit oder Unwissenheit, denn jedes Lebewesen im bedingten Leben wird in der Erscheinungsweise der Unwissenheit geboren. Wer nicht mit Hilfe der Autoritäten oder der Anweisungen der Schriften Wissen entwickelt, verfügt nur über Wissen, das sich auf den Körper beschränkt. Er kümmert sich nicht darum, ob er gemäß den Anweisungen der Schriften handelt oder nicht. Gott ist für ihn Geld, und Wissen bedeutet für ihn die beste Befriedigung der Verlangen des Körpers. Solches Wissen hat keine Verbindung mit der Absoluten Wahrheit. Es ist mehr oder weniger wie das Wissen der gewöhnlichen Tiere: das Wissen über Essen, Schlafen, Verteidigung und Fortpflanzung. Solches Wissen wird hier als Produkt der Erscheinungsweise der Dunkelheit bezeichnet. Mit anderen Worten, Wissen, das die spirituelle Seele betrifft, die sich jenseits des Körpers befindet, wird Wissen in der Erscheinungsweise der Tugend genannt; Wissen, das mit Hilfe weltlicher Logik und mentaler Spekulation viele Theorien und Doktrinen hervorbringt, ist ein Produkt der Erscheinungsweise der Leidenschaft, und Wissen, das sich nur mit der Bequemlichkeit des Körpers befaßt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Text

niyataṁ saṅga-rahitam
arāga-dveṣataḥ kṛtam
aphala-prepsunā karma
yat tat sāttvikam ucyate

Synonyms

niyatam — reguliert; saṅga-rahitam — ohne Anhaftung; arāga-dveṣataḥ — ohne Liebe oder Haß; kṛtam — getan; aphala-prepsunā — von jemandem, der sich kein fruchttragendes Ergebnis wünscht; karma — Handlung; yat — die; tat — diejenige; sāttvikam — in der Erscheinungsweise der Tugend; ucyate — wird genannt.

Translation

Jene Handlung, die reguliert ist und ohne Anhaftung, ohne Liebe oder Haß und ohne Wunsch nach fruchttragenden Ergebnissen ausgeführt wird, wird Handlung in der Erscheinungsweise der Tugend genannt.

Purport

Die regulierte Ausübung von stellungsgemäßen Pflichten, die in den Schriften für die verschiedenen Stufen und Einteilungen der Gesellschaft vorgeschrieben sind und die ohne Anhaftung und Anspruch auf Eigentum und daher ohne Liebe oder Haß, sondern im Kṛṣṇa-Bewußtsein für die Zufriedenstellung des Höchsten erfüllt werden, frei von dem Wunsch nach eigener Zufriedenheit oder Befriedigung, wird als Handlung in der Erscheinungsweise der Tugend bezeichnet.

Text

yat tu kāmepsunā karma
sāhaṅkāreṇa vā punaḥ
kriyate bahulāyāsaṁ
tad rājasam udāhṛtam

Synonyms

yat — diejenige, die; tu — aber; kāma-īpsunā — von jemandem mit Wünschen nach fruchttragenden Ergebnissen; karma — Handlung; sa- ahaṅkāreṇa — mit falschem Ego; — oder; punaḥ — wieder; kriyate — wird ausgeführt; bahula-āyāsam — mit großer Anstrengung; tat — diese; rājasam — in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; udāhṛtam — gilt als.

Translation

Aber jene Handlung, die man mit großer Anstrengung ausführt, mit dem Ziel, seine Wünsche zu befriedigen, und die vom falschen Ego ausgeht, wird als Handlung in der Erscheinungsweise der Leidenschaft bezeichnet.

Text

anubandhaṁ kṣayaṁ hiṁsām
anapekṣya ca pauruṣam
mohād ārabhyate karma
yat tat tāmasam ucyate

Synonyms

anubandham — der zukünftigen Bindung; kṣayam — Zerstörung; hiṁsām — und Leid für andere; anapekṣya — ohne Berücksichtigung der Folgen; ca — auch; pauruṣam — nach eigener Billigung; mohāt — durch Illusion; ārabhyate — wird begonnen; karma — Handlung; yat — die; tat — diejenige; tāmasam — in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; ucyate — wird genannt.

Translation

Jene Handlung, die in Illusion und unter Mißachtung der Anweisungen der Schriften ausgeführt wird, ohne sich um zukünftige Knechtschaft, Gewalt oder das Leid, das anderen zugefügt wird, zu kümmern, wird als Handlung in der Erscheinungsweise der Unwissenheit bezeichnet.

Purport

ERLÄUTERUNG: Man muß dem Staat oder den Boten des Höchsten Herrn, den Yamadūtas, über sein Handeln Rechenschaft ablegen. Unverantwortliches Handeln ist zerstörerisch, weil es die von den Schriften vorgeschriebenen regulierenden Prinzipien zerstört. Es beruht oft auf Gewalt und fügt anderen Lebewesen Leid zu. Solch unverantwortliche Handlungen werden auf der Grundlage eigener Erfahrungen ausgeführt. Das nennt man Illusion. Und all diese von Illusion geprägten Handlungen sind ein Produkt der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Text

mukta-saṅgo ’nahaṁ-vādī
dhṛty-utsāha-samanvitaḥ
siddhy-asiddhyor nirvikāraḥ
kartā sāttvika ucyate

Synonyms

mukta-saṅgaḥ — befreit von jeglicher materiellen Gemeinschaft; anaham-vādī — ohne falsches Ego; dhṛti — mit Entschlossenheit; utsāha — und großem Enthusiasmus; samanvitaḥ — qualifiziert; siddhi — in Vollkommenheit; asiddhyoḥ — und Mißerfolg; nirvikāraḥ — ohne Wechsel; kartā — Handelnder; sāttvikaḥ — in der Erscheinungsweise der Tugend; ucyate — gilt als.

Translation

Jemand, der seine Pflicht frei von der Gemeinschaft mit den Erscheinungsweisen der materiellen Natur, ohne falsches Ego und mit großer Entschlossenheit und mit Enthusiasmus ausführt und in Erfolg und Mißerfolg unerschütterlich bleibt, gilt als ein Handelnder in der Erscheinungsweise der Tugend.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein steht zu den Erscheinungsweisen der materiellen Natur immer in transzendentaler Stellung. Er erwartet von der Arbeit, die ihm anvertraut wurde, kein Ergebnis, denn er steht über falschem Ego und Stolz. Trotzdem ist er bis zur Vollendung seiner Arbeit immer voller Enthusiasmus. Die Mühe, die mit seiner Arbeit verbunden ist, macht ihm nichts aus und kann seinen Enthusiasmus nicht brechen. Ihn kümmern weder Erfolg noch Mißerfolg; er bleibt in Leid und Glück gleichmütig. Wer so handelt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Tugend.

Text

rāgī karma-phala-prepsur
lubdho hiṁsātmako ’śuciḥ
harṣa-śokānvitaḥ kartā
rājasaḥ parikīrtitaḥ

Synonyms

rāgī — überaus angehaftet; karma-phala — die Frucht der Arbeit; prepsuḥ — wünschend; lubdhaḥ — gierig; hiṁsā-ātmakaḥ — immer neidisch; aśuciḥ — unsauber; harṣa-śoka-anvitaḥ — Freude und Sorge unterworfen; kartā — ein solcher Handelnder; rājasaḥ — in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; parikīrtitaḥ — wird bezeichnet als.

Translation

Der Handelnde, der an seine Arbeit und an die Früchte seiner Arbeit angehaftet ist und diese Früchte genießen will und der gierig, immer neidisch und unsauber ist und von Freude und Sorge bewegt wird, gilt als ein Handelnder in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wenn ein Mensch übermäßig an einer bestimmten Arbeit und an ihrem Ergebnis haftet, ist das darauf zurückzuführen, daß er zu materialistisch ist und zu große Anhaftung an Heim und Herd sowie an Frau und Kinder hat. Ein solcher Mensch hat keinen Wunsch, sein Leben auf eine höhere Ebene zu erheben. Ihm geht es nur darum, die Welt in materieller Hinsicht so bequem wie möglich zu gestalten. Er ist im allgemeinen sehr gierig und denkt, daß alles, was er erreicht habe, von Dauer sei und niemals verlorengehe. Ein solcher Mensch ist auf andere neidisch, und er ist bereit, alles Erdenkliche zu tun, um Sinnenbefriedigung zu erlangen. Folglich ist er unsauber, und es ist ihm egal, ob er sein Geld auf ehrliche oder unehrliche Weise verdient. Er frohlockt, wenn seine Arbeit erfolgreich ist, und er ist zutiefst niedergeschlagen, wenn sie nicht erfolgreich ist. Dies ist das Wesen eines Menschen, der in der Erscheinungsweise der Leidenschaft handelt.

Text

ayuktaḥ prākṛtaḥ stabdhaḥ
śaṭho naiṣkṛtiko ’lasaḥ
viṣādī dīrgha-sūtrī ca
kartā tāmasa ucyate

Synonyms

ayuktaḥ — ohne Bezug auf die Unterweisungen der Schriften; prākṛtaḥ — materialistisch; stabdhaḥ — starrsinnig; śaṭhaḥ — betrügerisch; naiṣkṛtikaḥ — geschickt darin, andere zu beleidigen; alasaḥ — träge; viṣādī — verdrießlich; dīrgha-sūtrī — zögernd; ca — auch; kartā — Handelnder; tāmasaḥ — in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; ucyate — gilt als.

Translation

Jemand, der fortwährend entgegen den Anweisungen der Schriften handelt, der materialistisch, starrsinnig und betrügerisch ist und es versteht, andere zu beleidigen, und der träge, immer verdrießlich und zögernd ist, gilt als Handelnder in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Aus den Anweisungen der Schriften erfahren wir, welche Art von Tätigkeit verrichtet werden sollte und welche Art von Tätigkeit nicht verrichtet werden sollte. Diejenigen, die sich nicht um solche Anweisungen kümmern, gehen Tätigkeiten nach, die nicht getan werden sollten, und solche Menschen sind im allgemeinen materialistisch. Sie handeln entsprechend den Erscheinungsweisen der Natur und nicht entsprechend den Anweisungen der Schriften. Menschen, die auf diese Weise handeln, sind nicht sehr freundlich, und für gewöhnlich sind sie hinterlistig und geschickt darin, andere zu beleidigen. Sie sind sehr träge; obwohl sie Pflichten haben, erfüllen sie diese nicht richtig, sondern verschieben sie, um sie später zu erledigen. Deshalb machen sie einen verdrießlichen Eindruck. Sie sind von zögernder Natur; alles, was innerhalb einer Stunde erledigt werden kann, zögern sie über Jahre hinaus. Wer auf diese Weise handelt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Text

buddher bhedaṁ dhṛteś caiva
guṇatas tri-vidhaṁ śṛṇu
procyamānam aśeṣeṇa
pṛthaktvena dhanañ-jaya

Synonyms

buddheḥ — von Intelligenz; bhedam — die Unterschiede; dhṛteḥ — von Beständigkeit; ca — auch; eva — gewiß; guṇataḥ — von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur; tri-vidham — von dreierlei Art; śṛṇu — höre; procyamānam — wie es von Mir beschrieben wird; aśeṣeṇa — im einzelnen; pṛthaktvena — unterschiedlich; dhanam-jaya — o Gewinner von Reichtum.

Translation

O Gewinner von Reichtum, höre nun bitte, wie Ich dir im einzelnen die verschiedenen Arten von Unterscheidungsvermögen und Entschlossenheit in Entsprechung zu den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur erkläre.

Purport

ERLÄUTERUNG: Nachdem der Herr Wissen, den Gegenstand des Wissens und den Wissenden in drei verschiedenen Unterteilungen gemäß den Erscheinungsweisen der materiellen Natur erklärt hat, definiert Er nun auf gleiche Weise die Intelligenz und Entschlossenheit des Handelnden.

Text

pravṛttiṁ ca nivṛttiṁ ca
kāryākārye bhayābhaye
bandhaṁ mokṣaṁ ca yā vetti
buddhiḥ sā pārtha sāttvikī

Synonyms

pravṛttim — zu tun; ca — auch; nivṛttim — nicht zu tun; ca — und; kārya — was getan werden muß; akārye — und was nicht getan werden darf; bhaya — Furcht; abhaye — und Furchtlosigkeit; bandham — Bindung; mokṣam — Befreiung; ca — und; — das, was; vetti — weiß; buddhiḥ — Unterscheidungsvermögen; — dieses; pārtha — o Sohn Pṛthās; sāttvikī — in der Erscheinungsweise der Tugend.

Translation

O Sohn Pṛthās, das Unterscheidungsvermögen, durch das man erkennt, was getan werden muß und was nicht getan werden darf, wovor man sich fürchten muß und wovor man sich nicht zu fürchten braucht, was bindend und was befreiend ist, gründet in der Erscheinungsweise der Tugend.

Purport

ERLÄUTERUNG: Handlungen, die im Sinne der Anweisungen der Schriften ausgeführt werden, nennt man pravṛtti, das Ausführen von Handlungen, die es wert sind, ausgeführt zu werden. Handlungen, die andersgeartet sind, sollten nicht ausgeführt werden. Wer die Anweisungen der Schriften nicht kennt, wird in die Aktionen und Reaktionen seines Tuns verstrickt. Unterscheidungsvermögen, das in Intelligenz gründet, befindet sich in der Erscheinungsweise der Tugend.

Text

yayā dharmam adharmaṁ ca
kāryaṁ cākāryam eva ca
ayathāvat prajānāti
buddhiḥ sā pārtha rājasī

Synonyms

yayā — durch das; dharmam — die Prinzipien der Religion; adharmam — Irreligion; ca — und; kāryam — was getan werden sollte; ca — auch; akāryam — was nicht getan werden sollte; eva — gewiß; ca — auch; ayathā- vat — unvollkommen; prajānāti — kennt; buddhiḥ — Intelligenz; — diese; pārtha — o Sohn Pṛthās; rājasī — in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

Translation

O Sohn Pṛthās, das Unterscheidungsvermögen, das zwischen Religion und Irreligion sowie zwischen Handlungen, die ausgeführt werden sollten, und Handlungen, die nicht ausgeführt werden sollten, nicht zu unterscheiden vermag, befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

Text

adharmaṁ dharmam iti yā
manyate tamasāvṛtā
sarvārthān viparītāṁś ca
buddhiḥ sā pārtha tāmasī

Synonyms

adharmam — Irreligion; dharmam — Religion; iti — so; — welches; manyate — denkt; tamasā — von Illusion; āvṛtā — bedeckt; sarva-arthān — alle Dinge; viparītān — in die falsche Richtung; ca — auch; buddhiḥ — Intelligenz; — diese; pārtha — o Sohn Pṛthās; tāmasī — in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Translation

Das Unterscheidungsvermögen, das Irreligion für Religion und Religion für Irreligion hält, das unter dem Bann der Illusion und Dunkelheit steht und immer in die falsche Richtung strebt, o Pārtha, befindet sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Intelligenz in der Erscheinungsweise der Unwissenheit handelt immer anders, als sie sollte. Sie nimmt Religionen an, die in Wirklichkeit keine Religionen sind, und lehnt wahre Religion ab. Menschen in Unwissenheit halten eine große Seele für einen gewöhnlichen Menschen und einen gewöhnlichen Menschen für eine große Seele. Sie halten Wahrheit für Unwahrheit und akzeptieren Unwahrheit als Wahrheit. Bei allem, was sie tun, schlagen sie den falschen Weg ein; deshalb befindet sich ihre Intelligenz in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Text

dhṛtyā yayā dhārayate
manaḥ-prāṇendriya-kriyāḥ
yogenāvyabhicāriṇyā
dhṛtiḥ sā pārtha sāttvikī

Synonyms

dhṛtyā — Entschlossenheit; yayā — durch die; dhārayate — man stützt; manaḥ — des Geistes; prāṇa — Leben; indriya — und Sinne; kriyāḥ — die Tätigkeiten; yogena — durch Ausführung von yoga; avyabhicāriṇyā — ohne gebrochen zu werden; dhṛtiḥ — Entschlossenheit; — diese; pārtha — o Sohn Pṛthās; sāttvikī — in der Erscheinungsweise der Tugend.

Translation

O Sohn Pṛthās, jene Entschlossenheit, die unerschütterlich ist, die durch die Ausübung von yoga gestützt wird und so die Tätigkeiten des Geistes, des Lebens und der Sinne beherrscht, ist Entschlossenheit in der Erscheinungsweise der Tugend.

Purport

ERLÄUTERUNG: Yoga ist ein Mittel, um die Höchste Seele zu verstehen. Wer sich mit Entschlossenheit ununterbrochen auf die Höchste Seele konzentriert und seinen Geist, sein Leben und seine Sinnestätigkeiten auf den Höchsten richtet, befindet sich auf der Stufe des Kṛṣṇa-Bewußtseins. Diese Art der Entschlossenheit befindet sich in der Erscheinungsweise der Tugend. Das Wort avyabhicāriṇyā ist sehr bedeutsam, denn es weist darauf hin, daß sich diejenigen, die im Kṛṣṇa-Bewußtsein tätig sind, niemals von einer anderen Beschäftigung ablenken lassen.

Text

yayā tu dharma-kāmārthān
dhṛtyā dhārayate ’rjuna
prasaṅgena phalākāṅkṣī
dhṛtiḥ sā pārtha rājasī

Synonyms

yayā — durch die; tu — aber; dharma — Religiosität; kāma — Sinnenbefriedigung; arthān — und wirtschaftliche Entwicklung; dhṛtyā — durch Entschlossenheit; dhārayate — man stützt; arjuna — o Arjuna; prasaṅgena — aufgrund von Anhaftung; phala-ākāṅkṣī — sich fruchttragende Ergebnisse wünschend; dhṛtiḥ — Entschlossenheit; — diese; pārtha — o Sohn Pṛthās; rājasī — in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

Translation

Aber jene Entschlossenheit, mit der man nach fruchttragenden Ergebnissen in Religion, wirtschaftlicher Entwicklung und Sinnenbefriedigung strebt, ist Entschlossenheit in der Erscheinungsweise der Leidenschaft, o Arjuna.

Purport

ERLÄUTERUNG: Jemand, der ständig nach fruchttragenden Ergebnissen in religiösen oder wirtschaftlichen Tätigkeiten strebt, dessen einziger Wunsch die Befriedigung der Sinne ist und der seinen Geist, sein Leben und seine Sinne auf diese Weise verwendet, befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

Text

yayā svapnaṁ bhayaṁ śokaṁ
viṣādaṁ madam eva ca
na vimuñcati durmedhā
dhṛtiḥ sā pārtha tāmasī

Synonyms

yayā — durch die; svapnam — träumend; bhayam — Angst; śokam — Klage; viṣādam — Verdrießlichkeit; madam — Illusion; eva — gewiß; ca — auch; na — niemals; vimuñcati — man gibt auf; durmedhā — unintelligent; dhṛtiḥ — Entschlossenheit; — diese; pārtha — o Sohn Pṛthās; tāmasī — in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Translation

Und die Entschlossenheit, die nicht über Träume, Angst, Klagen, Verdrießlichkeit und Illusion hinausgeht – solch unintelligente Entschlossenheit, o Sohn Pṛthās, befindet sich in der Erscheinungsweise der Dunkelheit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Man sollte hieraus nicht schließen, ein Mensch in der Erscheinungsweise der Tugend träume nicht. Hier bedeutet „Traum“ zuviel Schlaf. Träume gibt es immer. Träume sind etwas Natürliches, ob man sich nun in der Erscheinungsweise der Tugend, Leidenschaft oder Unwissenheit befindet. Aber wer es nicht vermeiden kann, übermäßig zu schlafen, wer darauf stolz ist, materielle Objekte zu genießen, wer immer davon träumt, über die materielle Welt zu herrschen, und sein Leben, seinen Geist und seine Sinne auf dieses Ziel richtet, gehört zur Kategorie der Menschen mit Entschlossenheit in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Text

sukhaṁ tv idānīṁ tri-vidhaṁ
śṛṇu me bharatarṣabha
abhyāsād ramate yatra
duḥkhāntaṁ ca nigacchati

Synonyms

sukham — Glück; tu — aber; idānīm — nun; tri-vidham — von dreierlei Art; śṛṇu — höre; me — von Mir; bharata-ṛṣabha — o bester unter den Bhāratas; abhyāsāt — durch Übung; ramate — man genießt; yatra — wo; duḥkha — des Leides; antam — das Ende; ca — auch; nigacchati — gewinnt.

Translation

O bester der Bhāratas, höre nun bitte von Mir über die drei Arten des Glücks, die die bedingte Seele genießt und durch die sie manchmal an das Ende allen Leides gelangt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Eine bedingte Seele versucht immer wieder, materielles Glück zu genießen. Auf diese Weise kaut sie fortwährend das bereits Gekaute. Doch während die bedingte Seele auf diese Weise genießt, wird sie manchmal dank der Gemeinschaft mit einer großen Seele aus der materiellen Verstrickung befreit. Mit anderen Worten, eine bedingte Seele ist ständig mit irgendeiner Art von Sinnenbefriedigung beschäftigt, doch wenn sie dank guter Gemeinschaft verstehen lernt, daß dieser Genuß immer nur die Wiederholung der gleichen Sache ist, und wenn sie zu ihrem wahren Kṛṣṇa-Bewußtsein erweckt wird, kann sie von diesem sich immer wiederholenden sogenannten Glück befreit werden.

Text

yat tad agre viṣam iva
pariṇāme ’mṛtopamam
tat sukhaṁ sāttvikaṁ proktam
ātma-buddhi-prasāda-jam

Synonyms

yat — was; tat — das; agre — am Anfang; viṣam iva — wie Gift; pariṇāme — am Ende; amṛta — Nektar; upamam — verglichen mit; tat — dieses; sukham — Glück; sāttvikam — in der Erscheinungsweise der Tugend; proktam — wird genannt; ātma — im Selbst; buddhi — der Intelligenz; prasāda-jam — geboren aus der Zufriedenheit.

Translation

Das, was am Anfang wie Gift sein mag, doch am Ende wie Nektar ist und einen zur Selbsterkenntnis erweckt, gilt als Glück in der Erscheinungsweise der Tugend.

Purport

ERLÄUTERUNG: Auf dem Pfad der Selbsterkenntnis muß man viele Regeln und Regulierungen beachten, um Geist und Sinne zu beherrschen und den Geist auf das Selbst zu konzentrieren. All diese Vorgänge sind sehr schwierig, bitter wie Gift, doch wenn man diese Regulierungen mit Erfolg einhält und auf die transzendentale Ebene gelangt, beginnt man wahren Nektar zu kosten und genießt so das Leben.

Text

viṣayendriya-saṁyogād
yat tad agre ’mṛtopamam
pariṇāme viṣam iva
tat sukhaṁ rājasaṁ smṛtam

Synonyms

viṣaya — der Sinnesobjekte; indriya — und der Sinne; saṁyogāt — von der Verbindung; yat — was; tat — das; agre — am Anfang; amṛta-upamam — wie Nektar; pariṇāme — am Ende; viṣam iva — wie Gift; tat — dieses; sukham — Glück; rājasam — in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; smṛtam — wird betrachtet als.

Translation

Jenes Glück, das aus dem Kontakt der Sinne mit ihren Objekten entsteht und das am Anfang wie Nektar erscheint, doch am Ende wie Gift ist, gilt als Glück in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein junger Mann und eine junge Frau treffen sich, und die Sinne treiben den jungen Mann dazu, die Frau anzublicken, sie zu berühren und mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Am Anfang mag dies für die Sinne sehr angenehm sein, doch am Ende, oder nach einiger Zeit, wird es zu Gift. Sie trennen sich wieder oder lassen sich scheiden – es gibt Klagen, es gibt Kummer, usw. Solches Glück befindet sich immer in der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Glück, das aus dem Kontakt der Sinne mit den Sinnesobjekten entsteht, ist immer eine Ursache von Leid und sollte daher unter allen Umständen vermieden werden.

Text

yad agre cānubandhe ca
sukhaṁ mohanam ātmanaḥ
nidrālasya-pramādotthaṁ
tat tāmasam udāhṛtam

Synonyms

yat — das, was; agre — am Anfang; ca — auch; anubandhe — am Ende; ca — auch; sukham — Glück; mohanam — illusorisch; ātmanaḥ — des Selbst; nidrā — Schlaf; ālasya — Trägheit; pramāda — und Illusion; uttham — entstanden aus; tat — dieses; tāmasam — in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; udāhṛtam — gilt als.

Translation

Und jenes Glück, das der Selbsterkenntnis gegenüber blind ist, das von Anfang bis Ende Täuschung ist und aus Schlaf, Trägheit und Illusion entsteht, gilt als Glück in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wer an Trägheit und Schlaf Freude findet, befindet sich mit Sicherheit in der Erscheinungsweise der Dunkelheit und Unwissenheit, und wer nicht weiß, wie er handeln muß und wie er nicht handeln darf, befindet sich ebenfalls in der Erscheinungsweise der Unwissenheit. Für einen Menschen in der Erscheinungsweise der Unwissenheit ist alles Illusion. Für ihn gibt es weder am Anfang noch am Ende Glück. Für den Menschen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft mag es zu Beginn flüchtiges Glück geben und am Ende Leid, doch für den Menschen in der Erscheinungsweise der Unwissenheit gibt es sowohl am Anfang als auch am Ende nur Leid.

Text

na tad asti pṛthivyāṁ vā
divi deveṣu vā punaḥ
sattvaṁ prakṛti-jair muktaṁ
yad ebhiḥ syāt tribhir guṇaiḥ

Synonyms

na — weder; tat — dieses; asti — es gibt; pṛthivyām — auf der Erde; — noch; divi — auf den höheren Planetensystemen; deveṣu — unter den Halbgöttern; — noch; punaḥ — wieder; sattvam — Existenz; prakṛti- jaiḥ — aus der materiellen Natur geboren; muktam — befreit; yat — das; ebhiḥ — vom Einfluß dieser; syāt — ist; tribhiḥ — drei; guṇaiḥ — Erscheinungsweisen der materiellen Natur.

Translation

Es existiert kein Wesen – weder hier noch unter den Halbgöttern auf den höheren Planetensystemen –, das von diesen drei aus der materiellen Natur geborenen Erscheinungsweisen frei ist.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Herr erklärt hier zusammenfassend, daß der Einfluß der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur überall im Universum wirkt.

Text

brāhmaṇa-kṣatriya-viśāṁ
śūdrāṇāṁ ca paran-tapa
karmāṇi pravibhaktāni
svabhāva-prabhavair guṇaiḥ

Synonyms

brāhmaṇa — der brāhmaṇas; kṣatriya — der kṣatriyas; viśām — und der vaiśyas; śūdrāṇām — der śūdras; ca — und; param-tapa — o Bezwinger der Feinde; karmāṇi — die Tätigkeiten; pravibhaktāni — sind unterteilt; svabhāva — ihrer eigenen Natur; prabhavaiḥ — entstanden aus; guṇaiḥ — durch die Erscheinungsweisen der materiellen Natur.

Translation

Brāhmaṇas, kṣatriyas, vaiśyas und śūdras unterscheiden sich durch die Eigenschaften, die dem Einfluß der materiellen Erscheinungsweisen gemäß ihrer Natur eigen sind, o Bezwinger der Feinde.

Text

śamo damas tapaḥ śaucaṁ
kṣāntir ārjavam eva ca
jñānaṁ vijñānam āstikyaṁ
brahma-karma svabhāva-jam

Synonyms

śamaḥ — Friedfertigkeit; damaḥ — Selbstbeherrschung; tapaḥ — Entsagung; śaucam — Reinheit; kṣāntiḥ — Duldsamkeit; ārjavam — Ehrlichkeit; eva — gewiß; ca — und; jñānam — Wissen; vijñānam — Weisheit; āstikyam — Religiosität; brahma — eines brāhmaṇa; karma — Pflicht; svabhāva-jam — aus seiner Natur geboren.

Translation

Friedfertigkeit, Selbstbeherrschung, Entsagung, Reinheit, Duldsamkeit, Ehrlichkeit, Wissen, Weisheit und Religiosität sind die natürlichen Eigenschaften, die die Handlungsweise der brāhmaṇas bestimmen.

Text

śauryaṁ tejo dhṛtir dākṣyaṁ
yuddhe cāpy apalāyanam
dānam īśvara-bhāvaś ca
kṣātraṁ karma svabhāva-jam

Synonyms

śauryam — Heldenmut; tejaḥ — Macht; dhṛtiḥ — Entschlossenheit; dākṣyam — Geschicklichkeit; yuddhe — in der Schlacht; ca — und; api — auch; apalāyanam — nicht fliehend; dānam — Großzügigkeit; īśvara — der Führungskunst; bhāvaḥ — die Natur; ca — und; kṣātram — eines kṣatriya; karma — Pflicht; svabhāva-jam — aus seiner Natur geboren.

Translation

Heldenmut, Macht, Entschlossenheit, Geschicklichkeit, Mut in der Schlacht, Großzügigkeit und Führungskunst sind die natürlichen Eigenschaften, die die Handlungsweise der kṣatriyas bestimmen.

Text

kṛṣi-go-rakṣya-vāṇijyaṁ
vaiśya-karma svabhāva-jam
paricaryātmakaṁ karma
śūdrasyāpi svabhāva-jam

Synonyms

kṛṣi — Pflügen; go — der Kühe; rakṣya — Schutz; vāṇijyam — Handel; vaiśya — eines vaiśya; karma — Pflicht; svabhāva-jam — geboren aus seiner Natur; paricaryā — Dienst; ātmakam — bestehend aus; karma — Pflicht; śūdrasya — des śūdra; api — auch; svabhāva-jam — geboren aus seiner Natur.

Translation

Ackerbau, Kuhschutz und Handel sind die natürliche Arbeit für die vaiśyas, und die Aufgabe der śūdras besteht darin, zu arbeiten und anderen Dienste zu leisten.

Text

sve sve karmaṇy abhirataḥ
saṁsiddhiṁ labhate naraḥ
sva-karma-nirataḥ siddhiṁ
yathā vindati tac chṛṇu

Synonyms

sve sve — jeder seiner eigenen; karmaṇi — Arbeit; abhirataḥ — folgend; saṁsiddhim — Vollkommenheit; labhate — erreicht; naraḥ — ein Mensch; sva-karma — in seiner Pflicht; nirataḥ — beschäftigt; siddhim — Vollkommenheit; yathā — wie; vindati — erreicht; tat — dies; śṛṇu — höre.

Translation

Jeder Mensch kann die Vollkommenheit erreichen, indem er seinen Eigenschaften der Arbeit folgt. Höre nun bitte von Mir, wie dies erreicht werden kann.

Text

yataḥ pravṛttir bhūtānāṁ
yena sarvam idaṁ tatam
sva-karmaṇā tam abhyarcya
siddhiṁ vindati mānavaḥ

Synonyms

yataḥ — von dem; pravṛttiḥ — die Emanation; bhūtānām — aller Lebewesen; yena — durch den; sarvam — alles; idam — dies; tatam — wird durchdrungen; sva-karmaṇā — von seinen eigenen Pflichten; tam — Ihn; abhyarcya — durch Verehren; siddhim — Vollkommenheit; vindati — erlangt; mānavaḥ — ein Mensch.

Translation

Wenn ein Mensch den Herrn verehrt, der die Quelle aller Wesen ist und der alles durchdringt, kann er durch die Ausführung seiner Arbeit die Vollkommenheit erlangen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wie im Fünfzehnten Kapitel erklärt wurde, sind alle Lebewesen fragmentarische Teile des Höchsten Herrn. Folglich ist der Höchste Herr der Anfang aller Lebewesen. Dies wird im Vedānta-sūtra bestätigt: janmādy asya yataḥ. Der Höchste Herr ist daher der Beginn des Lebens eines jeden Lebewesens. Und wie es im Siebten Kapitel der Bhagavad-gītā heißt, ist der Höchste Herr durch Seine beiden Energien, die innere und die äußere Energie, alldurchdringend. Deshalb sollte man den Höchsten Herrn zusammen mit Seinen Energien verehren. Im allgemeinen verehren die Vaiṣṇava-Geweihten den Höchsten Herrn zusammen mit Seiner inneren Energie. Seine äußere Energie ist eine verzerrte Widerspiegelung der inneren Energie. Die äußere Energie ist wie ein Hintergrund, doch der Höchste Herr ist durch die Erweiterung Seines vollständigen Teils als Paramātmā überall gegenwärtig. Er befindet Sich als Überseele in allen Halbgöttern, in allen Menschen und allen Tieren, an allen Orten. Man sollte daher wissen, daß man als winziges Teilchen des Höchsten Herrn die Pflicht hat, Ihm zu dienen. Jeder sollte sich völlig Kṛṣṇa-bewußt im hingebungsvollen Dienst des Herrn beschäftigen. So lautet die Empfehlung dieses Verses.

Jeder sollte sich darüber bewußt sein, daß es Hṛṣīkeśa, der Herr der Sinne, ist, der einen mit einer bestimmten Art von Arbeit beschäftigt. Und mit dem Ergebnis dieser Arbeit sollte die Höchste Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa, verehrt werden. Wenn man immer in diesem Bewußtsein, dem vollkommenen Kṛṣṇa-Bewußtsein, verankert ist, bekommt man durch die Gnade des Herrn die vollkommene Sicht von allem. Das ist die Vollkommenheit des Lebens. Der Herr sagt in der Bhagavad-gītā (12.7): teṣām ahaṁ samuddhartā. Der Höchste Herr kümmert Sich persönlich darum, einen solchen Gottgeweihten zu befreien. Das ist die höchste Vollkommenheit des Lebens. Welcher Tätigkeit man auch nachgeht, wenn man dadurch dem Höchsten Herrn dient, wird man die höchste Vollkommenheit erreichen.

Text

śreyān sva-dharmo viguṇaḥ
para-dharmāt sv-anuṣṭhitāt
svabhāva-niyataṁ karma
kurvan nāpnoti kilbiṣam

Synonyms

śreyān — besser; sva-dharmaḥ — seine eigene Pflicht; viguṇaḥ — unvollkommen ausgeführt; para-dharmāt — als die Pflicht eines anderen; su-anuṣṭhitāt — vollkommen ausgeführt; svabhāva-niyatam — vorgeschrieben entsprechend der eigenen Natur; karma — Arbeit; kurvan — ausführend; na — niemals; āpnoti — erreicht; kilbiṣam — sündhafte Reaktionen.

Translation

Es ist besser, der eigenen Pflicht nachzugehen – selbst wenn man sie unvollkommen erfüllt –, als die Pflicht eines anderen anzunehmen und sie vollkommen zu erfüllen. Pflichten, die einem entsprechend der eigenen Natur vorgeschrieben sind, werden niemals von sündhaften Reaktionen berührt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die Bhagavad-gītā beschreibt, welche beruflichen Pflichten jeder Mensch auszuführen hat. Wie bereits in den vorangegangenen Versen erörtert wurde, richten sich die Pflichten der brāhmaṇas, kṣatriyas, vaiśyas und śūdras nach den jeweiligen Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Man sollte nicht die Pflicht eines anderen imitieren. Wenn sich jemand von Natur aus zu śūdra-Arbeit hingezogen fühlt, sollte er sich nicht künstlich als brāhmaṇa ausgeben, selbst wenn er in einer brāhmaṇa-Familie geboren wurde. Auf diese Weise sollte man entsprechend seiner Natur handeln; keine Arbeit ist verabscheuenswert, wenn sie im Dienst des Höchsten Herrn verrichtet wird. Die Pflichten eines brāhmaṇa befinden sich zweifellos in der Erscheinungsweise der Tugend, doch wenn sich jemand nicht von Natur aus in der Erscheinungsweise der Tugend befindet, sollte er nicht die Pflichten eines brāhmaṇa nachahmen. Für einen kṣatriya, einen Staatsmann, gibt es viele verabscheuenswerte Dinge zu tun: Ein kṣatriya muß Gewalt anwenden, um Feinde zu töten, und manchmal ist er aus diplomatischen Gründen gezwungen zu lügen. Solche Gewalt und Falschheit sind Teil der Politik, aber ein kṣatriya sollte deshalb nicht die Pflichten seines varṇa aufgeben und versuchen, die Pflichten eines brāhmaṇa zu erfüllen.

Man sollte handeln, um den Höchsten Herrn zufriedenzustellen. Arjuna zum Beispiel war ein kṣatriya. Er zögerte, gegen die andere Partei zu kämpfen; aber wenn ein solcher Kampf für Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, ausgetragen wird, braucht man nicht zu fürchten, dadurch erniedrigt zu werden. Ebenso verhält es sich im Geschäftsleben. Ein Händler muß manchmal viele Unwahrheiten sagen, um Profit zu machen. Tut er das nicht, so kann er nichts verdienen. Manchmal sagt ein Händler: „Mein werter Kunde, an Ihnen verdiene ich nichts“, aber man sollte wissen, daß ein Händler ohne Profit nicht existieren kann. Deshalb ist es einfach eine Lüge, wenn ein Händler sagt, er verdiene nichts. Doch obwohl der Händler einem Beruf nachgeht, in dem er gezwungen ist zu lügen, sollte er nicht denken, er müsse diesen Beruf aufgeben und die Tätigkeit eines brāhmaṇa aufnehmen. Das wird nicht empfohlen. Wenn man mit seiner Arbeit der Höchsten Persönlichkeit Gottes dient, ist es nicht wichtig, ob man ein kṣatriya, ein vaiśya oder ein śūdra ist. Sogar brāhmaṇas, die verschiedene Arten von Opfern ausführen, müssen manchmal Tiere töten, denn in solchen Zeremonien werden bisweilen auch Tiere geopfert. Ebenso muß ein kṣatriya bei der Ausführung seiner Pflicht manchmal einen Feind töten, doch dadurch begeht er keine Sünde. Diese Themen sind im Dritten Kapitel klar und ausführlich beschrieben worden; jeder sollte für die Zufriedenstellung Yajñas, das heißt Viṣṇus, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, arbeiten. Alles, was für persönliche Sinnenbefriedigung getan wird, ist eine Ursache von Bindung. Die Schlußfolgerung lautet, daß jeder entsprechend der jeweiligen Erscheinungsweise der Natur, von der er beeinflußt wird, beschäftigt werden sollte und daß man den Entschluß fassen sollte, nur noch zu arbeiten, um dem höchsten Interesse, dem Interesse des Höchsten Herrn, zu dienen.

Text

saha-jaṁ karma kaunteya
sa-doṣam api na tyajet
sarvārambhā hi doṣeṇa
dhūmenāgnir ivāvṛtāḥ

Synonyms

saha-jam — gleichzeitig geboren; karma — Tätigkeit; kaunteya — o Sohn Kuntīs; sa-doṣam — mit einem Fehler; api — obwohl; na — niemals; tyajet — man sollte aufgeben; sarva-ārambhāḥ — alle Unternehmungen; hi — gewiß; doṣeṇa — mit einem Fehler; dhūmena — mit Rauch; agniḥ — Feuer; iva — wie; āvṛtāḥ — bedeckt.

Translation

Jede Bemühung ist von einem Fehler überschattet, ebenso wie Feuer von Rauch verhüllt ist. Deshalb sollte man die Tätigkeit, die der eigenen Natur entspringt, nicht aufgeben, o Sohn Kuntīs, auch wenn diese Tätigkeit voller Fehler ist.

Purport

ERLÄUTERUNG: Im bedingten Leben ist jede Tätigkeit durch die Erscheinungsweisen der materiellen Natur verunreinigt. Selbst ein brāhmaṇa muß zuweilen Opfer vollziehen, bei denen es notwendig ist, ein Tier zu töten. Ebenso muß ein kṣatriya, ganz gleich wie fromm er ist, mit seinen Feinden kämpfen. Er kann es nicht vermeiden. Und ein Händler, mag er auch noch so fromm sein, muß manchmal seinen Profit verheimlichen, um im Geschäft zu bleiben, und manchmal kann es vorkommen, daß er Schwarzhandel treibt. Diese Dinge sind notwendig; man kann sie nicht vermeiden. Auch wenn ein śūdra der Diener eines schlechten Herrn ist, muß er die Befehle seines Herrn ausführen, selbst wenn etwas nicht getan werden sollte. Trotz all dieser Mängel sollte man weiter seine vorgeschriebenen Pflichten erfüllen, denn sie entspringen der eigenen Natur.

In diesem Vers wird ein sehr schönes Beispiel gegeben. Obwohl Feuer rein ist, gibt es Rauch. Aber Rauch macht das Feuer nicht unrein. Obwohl es im Feuer Rauch gibt, gilt das Feuer immer noch als das reinste aller Elemente. Wenn man die Pflicht eines kṣatriya aufgeben möchte, um die Tätigkeit eines brāhmaṇa aufzunehmen, kann man nicht sicher sein, daß es nicht auch bei dieser Tätigkeit unangenehme Pflichten gibt. Man kann also den Schluß ziehen, daß niemand in der materiellen Welt von der Verunreinigung der materiellen Natur völlig frei sein kann. Das Beispiel vom Feuer und vom Rauch ist in diesem Zusammenhang sehr treffend. Wenn man im Winter einen Stein vom Feuer wegzieht, steigt einem manchmal Rauch in die Augen und in die Nase; aber dennoch muß man trotz dieser unangenehmen Begleiterscheinungen vom Feuer Gebrauch machen. In ähnlicher Weise sollte man seine natürlichen Tätigkeiten nicht aufgeben, nur weil einige störende Elemente auftreten. Vielmehr sollte man entschlossen sein, dem Höchsten Herrn durch die Erfüllung seiner vorgeschriebenen Pflicht im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu dienen. Das ist die Stufe der Vollkommenheit. Wenn eine bestimmte Art von Tätigkeit verrichtet wird, um den Höchsten Herrn zufriedenzustellen, sind alle Fehler dieser Tätigkeit geläutert. Wenn die Ergebnisse dieser Tätigkeit geläutert sind, das heißt, wenn sie mit dem hingebungsvollen Dienst verbunden sind, erreicht man die vollkommene Stufe, auf der man das Selbst im Innern sieht, und das ist Selbsterkenntnis.

Text

asakta-buddhiḥ sarvatra
jitātmā vigata-spṛhaḥ
naiṣkarmya-siddhiṁ paramāṁ
sannyāsenādhigacchati

Synonyms

asakta-buddhiḥ — unangehaftete Intelligenz habend; sarvatra — überall; jita-ātmā — den Geist beherrschend; vigata-spṛhaḥ — ohne materielle Wünsche; naiṣkarmya-siddhim — die Vollkommenheit von Reaktionslosigkeit; paramām — höchste; sannyāsena — durch den Lebensstand der Entsagung; adhigacchati — man erlangt.

Translation

Wer selbstbeherrscht und unangehaftet ist und materiellen Genüssen keine Beachtung schenkt, kann durch das Ausführen von Entsagung die vollkommene Stufe der Freiheit von Reaktionen erlangen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wahre Entsagung bedeutet, sich immer als winzigen Teil des Höchsten Herrn zu sehen und deshalb zu erkennen, daß man kein Anrecht hat, die Ergebnisse seiner Arbeit zu genießen. Da das Lebewesen ein winziger Teil des Höchsten Herrn ist, müssen die Ergebnisse seiner Arbeit vom Höchsten Herrn genossen werden. Das ist die Bedeutung von Kṛṣṇa-Bewußtsein. Ein Mensch, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, ist ein wirklicher sannyāsī, das heißt, er steht tatsächlich im Lebensstand der Entsagung. Durch eine solche Geisteshaltung erlangt er Zufriedenheit, da er letztlich für den Höchsten tätig ist. Deshalb ist er nicht an etwas Materielles angehaftet; er gewöhnt sich daran, sich an nichts zu erfreuen, was außerhalb des transzendentalen Glücks liegt, das im Dienst des Herrn erfahren wird. Ein sannyāsī sollte von den Reaktionen seiner vergangenen Handlungen frei sein, doch ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein erreicht diese Vollkommenheit von selbst, sogar ohne in den sogenannten Stand der Entsagung einzutreten. Dieser Zustand des Geistes wird yogārūḍha, die vollkommene Stufe des yoga, genannt. Dies wird im Dritten Kapitel bestätigt: yas tv ātma-ratir eva syāt. Wer in sich selbst zufrieden ist, fürchtet sich nicht vor den Reaktionen auf seine Tätigkeiten.

Text

siddhiṁ prāpto yathā brahma
tathāpnoti nibodha me
samāsenaiva kaunteya
niṣṭhā jñānasya yā parā

Synonyms

siddhim — die Vollkommenheit; prāptaḥ — erreichend; yathā — wie; brahma — das Höchste; tathā — auf diese Weise; āpnoti — man erlangt; nibodha — versuche zu verstehen; me — von Mir; samāsena — zusammenfassend; eva — gewiß; kaunteya — o Sohn Kuntīs; niṣṭhā — die Stufe; jñānasya — des Wissens; — welche; parā — transzendental.

Translation

O Sohn Kuntīs, höre von Mir, wie jemand, der diese Vollkommenheit erlangt hat, auf die höchste Stufe der Vollkommenheit, Brahman, die Stufe höchsten Wissens, gelangen kann, indem er so handelt, wie Ich es nun zusammenfassend beschreiben werde.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Herr erklärt Arjuna, wie man die höchste Stufe der Vollkommenheit erreichen kann, indem man einfach seine berufliche Pflicht erfüllt, nämlich indem man diese Pflicht für die Höchste Persönlichkeit Gottes ausführt. Man erreicht die höchste Stufe des Brahman, indem man einfach auf das Ergebnis seiner Arbeit verzichtet, um es für die Zufriedenstellung des Höchsten Herrn zu verwenden. Das ist der Vorgang der Selbstverwirklichung. Die wahre Vollkommenheit des Wissens besteht darin, reines Kṛṣṇa-Bewußtsein zu erlangen. Das wird in den folgenden Versen beschrieben.

Text

buddhyā viśuddhayā yukto
dhṛtyātmānaṁ niyamya ca
śabdādīn viṣayāṁs tyaktvā
rāga-dveṣau vyudasya ca
vivikta-sevī laghv-āśī
yata-vāk-kāya-mānasaḥ
dhyāna-yoga-paro nityaṁ
vairāgyaṁ samupāśritaḥ
ahaṅkāraṁ balaṁ darpaṁ
kāmaṁ krodhaṁ parigraham
vimucya nirmamaḥ śānto
brahma-bhūyāya kalpate

Synonyms

buddhyā — mit Intelligenz; viśuddhayā — völlig geläutert; yuktaḥ — beschäftigt; dhṛtyā — durch Entschlossenheit; ātmānam — das Selbst; niyamya — regulierend; ca — auch; śabda-ādīn — wie Klang usw; viṣayān — die Sinnesobjekte; tyaktvā — aufgebend; rāga — Anhaftung; dveṣau — und Haß; vyudasya — beiseite legend; ca — auch; vivikta- sevī — an einem abgelegenen Ort lebend; laghu-āśī — wenig essend; yata — beherrscht habend; vāk — Sprache; kāya — Körper; mānasaḥ — und Geist; dhyāna-yoga-paraḥ — in Trance vertieft; nityam — vierundzwanzig Stunden am Tag; vairāgyam — Loslösung; samupāśritaḥ — Zuflucht gesucht habend bei; ahaṅkāram — falsches Ego; balam — falsche Stärke; darpam — falscher Stolz; kāmam — Lust; krodham — Zorn; parigraham — und das Annehmen materieller Dinge; vimucya — befreit von; nirmamaḥ — ohne Besitzanspruch; śāntaḥ — friedvoll; brahma-bhūyāya — für Selbstverwirklichung; kalpate — ist qualifiziert.

Translation

Wer durch seine Intelligenz geläutert ist und den Geist mit Entschlossenheit beherrscht, die Objekte der Sinnenbefriedigung aufgibt und von Anhaftung und Haß befreit ist, wer an einem abgelegenen Ort lebt, wenig ißt und seinen Körper, seinen Geist und den Drang zu sprechen beherrscht, wer sich immer in Trance befindet und losgelöst ist, frei von falschem Ego, falscher Stärke, falschem Stolz, Lust, Zorn und dem Annehmen materieller Dinge, wer keinen falschen Besitzanspruch erhebt und friedvoll ist – ein solcher Mensch wird gewiß zur Stufe der Selbstverwirklichung erhoben.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wenn ein Mensch durch Intelligenz geläutert ist, weicht er niemals von der Erscheinungsweise der Tugend ab. Auf diese Weise wird er zum Beherrscher seines Geistes und befindet sich immer in Trance. Er ist nicht an die Objekte der Sinnenbefriedigung angehaftet, und in seinen Tätigkeiten ist er frei von Anhaftung und Haß. Für einen solchen losgelösten Menschen ist es natürlich, daß er es vorzieht, an einem abgeschiedenen Ort zu leben; er ißt nicht mehr, als er benötigt, und er beherrscht die Tätigkeiten seines Körpers und seines Geistes. Er hat kein falsches Ego, weil er den Körper nicht für das Selbst hält. Ebenso hat er auch nicht den Wunsch, den Körper durch das Annehmen vieler materieller Dinge fett und stark zu machen. Weil er von der körperlichen Lebensauffassung frei ist, ist er nicht fälschlicherweise stolz. Er ist mit allem zufrieden, was er durch die Gnade des Herrn bekommt, und er wird nicht zornig, wenn es keine Sinnenbefriedigung gibt. Er strebt auch nicht danach, sich Sinnesobjekte anzueignen. Wenn er auf diese Weise völlig vom falschen Ego befreit ist, verliert er jegliche Anhaftung an materielle Dinge, und das ist die Brahman-Stufe der Selbstverwirklichung. Diese Stufe wird auch brahma-bhūta-Stufe genannt. Wenn man von der materiellen Lebensauffassung frei ist, wird man friedvoll, und nichts bringt einen aus der Ruhe. Dies wird in der Bhagavad-gītā (2.70) beschrieben:

āpūryamāṇam acala-pratiṣṭhaṁ
samudram āpaḥ praviśanti yadvat
tadvat kāmā yaṁ praviśanti sarve
sa śāntim āpnoti na kāma-kāmī

„Nur wer durch die unaufhörliche Flut von Wünschen nicht gestört ist – die wie Flüsse in den Ozean münden, der ständig gefüllt wird, doch immer ausgeglichen bleibt –, kann Frieden erlangen, und nicht derjenige, der danach strebt, solche Wünsche zu befriedigen.

Text

brahma-bhūtaḥ prasannātmā
na śocati na kāṅkṣati
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
mad-bhaktiṁ labhate parām

Synonyms

brahma-bhūtaḥ — eins mit dem Absoluten; prasanna-ātmā — von Freude erfüllt; na — nie; śocati — klagt; na — niemals; kāṅkṣati — begehrt; samaḥ — völlig gleichgesinnt; sarveṣu — allen; bhūteṣu — Lebewesen; mat-bhaktim — Meinen hingebungsvollen Dienst; labhate — gewinnt; parām — transzendentalen.

Translation

Wer auf diese Weise in der Transzendenz verankert ist, erkennt sogleich das Höchste Brahman und wird von Freude erfüllt. Er klagt niemals, noch begehrt er irgend etwas. Er ist jedem Lebewesen gleichgesinnt. In diesem Zustand erreicht er reinen hingebungsvollen Dienst für Mich.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die brahma-bhūta-Stufe zu erreichen, das heißt mit dem Absoluten eins zu werden, ist für den Unpersönlichkeitsanhänger das höchste Ziel. Was aber den Persönlichkeitsanhänger, den reinen Gottgeweihten, betrifft, so muß er über diese Stufe hinausgehen und sich im reinen hingebungsvollen Dienst beschäftigen. Dies bedeutet, daß jemand, der im reinen hingebungsvollen Dienst des Höchsten Herrn tätig ist, die Stufe der Befreiung, genannt brahma-bhūta, Einssein mit dem Absoluten, bereits erreicht hat. Ohne mit dem Höchsten, dem Absoluten, eins zu sein, kann man Ihm nicht dienen. Auf der absoluten Ebene gibt es zwischen demjenigen, dem gedient wird, und demjenigen, der dient, keinen Unterschied; doch in einem höheren, spirituellen Sinne besteht ein Unterschied.

In der materiellen Lebensauffassung, in der man für Sinnenbefriedigung arbeitet, entsteht Leid, doch in der absoluten Welt, wo man reinen hingebungsvollen Dienst ausführt, gibt es kein Leid. Für den Gottgeweihten im Kṛṣṇa-Bewußtsein gibt es nichts, was er zu beklagen oder zu begehren hätte. Weil Gott in Sich Selbst erfüllt ist, wird auch ein Lebewesen, das im Dienst Gottes, im Kṛṣṇa-Bewußtsein, tätig ist, in sich erfüllt. Es ist wie ein Fluß, der von allem schmutzigen Wasser gereinigt ist. Weil ein reiner Gottgeweihter an nichts anderes als an Kṛṣṇa denkt, ist er von Natur aus immer von Freude erfüllt. Weder beklagt er materiellen Verlust, noch begehrt er materiellen Gewinn, denn er ist völlig in den Dienst des Herrn vertieft. Er hat kein Verlangen nach materiellem Genuß, denn er weiß, daß jedes Lebewesen ein fragmentarischer, winziger Teil des Höchsten Herrn und daher ewig ein Diener ist. Er sieht niemanden in der materiellen Welt als höher oder niedriger an, denn hohe und niedrige Positionen bestehen nur vorübergehend, und ein Gottgeweihter hat mit vorübergehenden Erscheinungen, die kommen und gehen, nichts zu tun. Für ihn sind Steine und Gold von gleichem Wert. Das ist die brahma-bhūta-Stufe, und diese Stufe erreicht der reine Gottgeweihte sehr leicht. Auf dieser Stufe des Daseins wird die Vorstellung, mit dem Höchsten Brahman eins zu werden und die eigene Individualität zu vernichten, höllisch; die Vorstellung, in das himmlische Königreich zu gehen, erscheint wie ein Trugbild, und die Sinne gleichen abgebrochenen Giftzähnen von Schlangen. So wie man Schlangen mit gebrochenen Zähnen nicht zu fürchten braucht, braucht man sich auch nicht vor den Sinnen zu fürchten, wenn sie von selbst beherrscht sind. Für einen Menschen, der unter dem Einfluß der Materie steht, ist die Welt leidvoll, doch für einen Gottgeweihten ist die ganze Welt so gut wie Vaikuṇṭha, der spirituelle Himmel. Für einen Gottgeweihten ist die höchste Persönlichkeit des materiellen Universums nicht bedeutender als eine Ameise. Diese Stufe kann durch die Barmherzigkeit Śrī Caitanyas erreicht werden, der in diesem Zeitalter reinen hingebungsvollen Dienst predigte.

Text

bhaktyā mām abhijānāti
yāvān yaś cāsmi tattvataḥ
tato māṁ tattvato jñātvā
viśate tad-anantaram

Synonyms

bhaktyā — durch reinen hingebungsvollen Dienst; mām — Mich; abhijānāti — man kann kennen; yāvān — so wie; yaḥ ca asmi — wie Ich bin; tattvataḥ — in Wahrheit; tataḥ — danach; mām — Mich; tattvataḥ — in Wahrheit; jñātvā — kennend; viśate — er geht ein; tat-anantaram — danach.

Translation

Nur durch hingebungsvollen Dienst kann man Mich so, wie Ich bin, als die Höchste Persönlichkeit Gottes, erkennen. Und wenn man sich durch solche Hingabe vollkommen über Mich bewußt ist, kann man in das Königreich Gottes eingehen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, und Seine vollständigen Erweiterungen können weder durch gedankliche Spekulation noch von Nichtgottgeweihten verstanden werden. Wenn jemand die Höchste Persönlichkeit Gottes verstehen will, muß er sich unter der Führung eines reinen Gottgeweihten dem reinen hingebungsvollen Dienst widmen. Sonst wird ihm die Wahrheit über die Höchste Persönlichkeit Gottes immer verborgen bleiben. Wie bereits im Siebten Kapitel, Vers 25, erklärt wurde (nāhaṁ prakāśaḥ sarvasya), offenbart Sich Gott nicht jedem. Man kann Gott nicht einfach durch akademische Gelehrtheit oder durch gedankliche Spekulation verstehen. Nur wer tatsächlich im Kṛṣṇa-Bewußtsein und im hingebungsvollen Dienst tätig ist, kann verstehen, was Kṛṣṇa ist. Universitätstitel können einem nicht helfen.

Wer mit der Wissenschaft von Kṛṣṇa völlig vertraut ist, qualifiziert sich, in das spirituelle Königreich, das Reich Kṛṣṇas, einzugehen. Brahman zu werden bedeutet nicht, seine Identität zu verlieren. Auf der spirituellen Ebene gibt es hingebungsvollen Dienst, und überall, wo es hingebungsvollen Dienst gibt, muß es auch Gott, den Gottgeweihten und den Vorgang des hingebungsvollen Dienstes geben. Solches Wissen vergeht nie, nicht einmal nach der Befreiung. Zur Befreiung gehört, daß man von der materiellen Lebensauffassung frei wird; im spirituellen Leben gibt es die gleiche Unterscheidung, die gleiche Individualität, aber in reinem Kṛṣṇa-Bewußtsein. Man sollte nicht dem Mißverständnis unterliegen, das Wort viśate („geht in Mich ein“) unterstütze die monistische Theorie, die besagt, man werde homogen eins mit dem unpersönlichen Brahman. Nein, viśate bedeutet, daß man in seiner Individualität in das Reich des Höchsten Herrn eingeht, um sich dort Seiner Gemeinschaft zu erfreuen und Ihm Dienst darzubringen. Ein grüner Vogel zum Beispiel fliegt nicht in einen grünen Baum, um mit diesem eins zu werden, sondern um die Früchte des Baumes zu genießen. Die Unpersönlichkeitsanhänger geben im allgemeinen das Beispiel eines Flusses, der in das Meer fließt und sich mit ihm vermischt. Für den Unpersönlichkeitsanhänger mag dieses Eingehen eine Quelle des Glücks sein, doch der Persönlichkeitsanhänger behält seine persönliche Individualität, genau wie ein Fisch im Meer. Wenn wir tief in das Meer tauchen, werden wir zahllose Lebewesen vorfinden. Es genügt nicht, nur die Oberfläche des Meeres zu kennen; man muß auch vollständiges Wissen über die Wasserlebewesen haben, die in den Tiefen des Meeres leben.

Dank seines reinen hingebungsvollen Dienstes kann ein Gottgeweihter die transzendentalen Eigenschaften und Füllen des Höchsten Herrn in Wahrheit verstehen. Wie es im Elften Kapitel heißt, kann man dies nur durch hingebungsvollen Dienst verstehen. Dasselbe wird hier bestätigt: Nur durch hingebungsvollen Dienst kann man den Herrn, die Höchste Persönlichkeit Gottes, verstehen und in Sein Königreich gelangen.

Nachdem man die brahma-bhūta-Stufe, die Stufe der Freiheit von materiellen Vorstellungen, erreicht hat, beginnt hingebungsvoller Dienst, indem man über den Herrn hört. Wenn man über den Höchsten Herrn hört, entwickelt sich die brahma-bhūta-Stufe von selbst, und die materielle Verunreinigung – Gier und Lust nach Sinnengenuß – verschwindet. Wenn Lust und materielle Wünsche aus dem Herzen eines Gottgeweihten weichen, verstärkt sich seine Anhaftung an den Dienst des Herrn, und durch diese Anhaftung wird er frei von materieller Verunreinigung. Auf dieser Stufe des Lebens kann er den Höchsten Herrn verstehen. So lautet auch die Aussage des Śrīmad-Bhāgavatam. Nach der Befreiung wird der Vorgang der bhakti, des transzendentalen Dienstes, fortgesetzt. Dies wird im Vedānta-sūtra ( 4.1.12) bestätigt: ā-prāyaṇāt tatrāpi hi dṛṣṭam. Dies bedeutet, daß der Vorgang des hingebungsvollen Dienstes selbst nach der Befreiung fortbesteht. Das Śrīmad-Bhāgavatam definiert wahre hingebungsvolle Befreiung als „die Rückkehr des Lebewesens zu seiner ursprünglichen Identität, seiner wesensgemäßen Position“. Diese wesensgemäße Position ist bereits erklärt worden: Jedes Lebewesen ist ein fragmentarischer, winziger Teil des Höchsten Herrn. Deshalb ist es seine wesensgemäße Position zu dienen. Nach der Befreiung hört dieser Dienst nicht auf. Wahre Befreiung bedeutet, von falschen Lebensauffassungen frei zu werden.

Text

sarva-karmāṇy api sadā
kurvāṇo mad-vyapāśrayaḥ
mat-prasādād avāpnoti
śāśvataṁ padam avyayam

Synonyms

sarva — alle; karmāṇi — Tätigkeiten; api — obwohl; sadā — immer; kurvāṇaḥ — nachgehend; mat-vyapāśrayaḥ — unter Meinem Schutz; mat-prasādāt — durch Meine Barmherzigkeit; avāpnoti — man erreicht; śāśvatam — das ewige; padam — Reich; avyayam — unvergänglich.

Translation

Obwohl Mein reiner Geweihter allen möglichen Tätigkeiten nachgeht, erreicht er unter Meinem Schutz und durch Meine Gnade das ewige, unvergängliche Reich.

Purport

ERLÄUTERUNG: Das Wort mad-vyapāśrayaḥ bedeutet „unter dem Schutz des Höchsten Herrn“. Um von materieller Verunreinigung frei zu sein, handelt ein reiner Gottgeweihter unter der Führung des Höchsten Herrn bzw. Seines Stellvertreters, des spirituellen Meisters. Für einen reinen Gottgeweihten gibt es keine zeitliche Begrenzung. Er ist ständig, vierundzwanzig Stunden am Tag, hundertprozentig unter der Führung des Höchsten Herrn tätig. Zu einem Gottgeweihten, der sich auf diese Weise im Kṛṣṇa-Bewußtsein betätigt, ist der Herr sehr, sehr gütig. Trotz aller Schwierigkeiten wird er am Ende in das transzendentale Reich, Kṛṣṇaloka, aufgenommen. Der Einlaß dort ist ihm garantiert. Darüber besteht kein Zweifel. In diesem höchsten Reich gibt es keinen Wandel; alles dort ist ewig, unvergänglich und voller Wissen.

Text

cetasā sarva-karmāṇi
mayi sannyasya mat-paraḥ
buddhi-yogam upāśritya
mac-cittaḥ satataṁ bhava

Synonyms

cetasā — durch Intelligenz; sarva-karmāṇi — alle Arten von Tätigkeiten; mayi — für Mich; sannyasya — aufgebend; mat-paraḥ — unter Meinem Schutz; buddhi-yogam — hingebungsvolle Tätigkeiten; upāśritya — Zuflucht suchend bei; mat-cittaḥ — mit Bewußtsein, das auf Mich gerichtet ist; satatam — vierundzwanzig Stunden am Tag; bhava — werde einfach.

Translation

Mache dich in allen Tätigkeiten einfach von Mir abhängig und handle immer unter Meinem Schutz. Sei dir bei solchem hingebungsvollen Dienst Meiner voll bewußt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wenn man im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, tut man nicht so, als sei man der Herr der Welt. Genau wie ein Diener sollte man völlig unter der Führung des Höchsten Herrn handeln. Ein Diener hat keine individuelle Unabhängigkeit. Er handelt nur auf Befehl seines Herrn. Ein Diener, der im Interesse des Höchsten Herrn handelt, wird weder von Gewinn noch von Verlust berührt. Er erfüllt einfach treu seine Pflicht, so wie der Herr es ihm aufgetragen hat. Man könnte nun einwenden, Arjuna habe unter der persönlichen Führung Kṛṣṇas gehandelt, während sich für uns die Frage stelle, wie wir in Kṛṣṇas Abwesenheit handeln sollen. Die Antwort lautet: Wenn man nach Kṛṣṇas Anweisungen in der Bhagavad-gītā und unter der Führung von Kṛṣṇas Stellvertreter handelt, wird man das gleiche Ergebnis erhalten. Das Sanskritwort mat-paraḥ ist in diesem Vers sehr bedeutsam. Es weist darauf hin, daß es kein anderes Lebensziel gibt, als im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln, um Kṛṣṇa zufriedenzustellen. Und während man auf diese Weise tätig ist, sollte man nur an Kṛṣṇa denken: „Mir ist von Kṛṣṇa aufgetragen worden, diese bestimmte Pflicht zu erfüllen.“ Wenn man so handelt, muß man automatisch an Kṛṣṇa denken. Das ist vollkommenes Kṛṣṇa-Bewußtsein. Man sollte jedoch bedenken, daß man das Ergebnis einer Tätigkeit, die man nach eigener Laune ausgeführt hat, nicht dem Höchsten Herrn anbieten sollte. Diese Art von Pflicht hat nichts mit hingebungsvollem Dienst und Kṛṣṇa-Bewußtsein zu tun. Man sollte nach der Anweisung Kṛṣṇas handeln. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Diese Anweisung Kṛṣṇas erhält man durch die Schülernachfolge von einem echten spirituellen Meister. Deshalb sollte man die Anweisung des spirituellen Meisters als die höchste Pflicht im Leben betrachten. Wenn man einen echten spirituellen Meister bekommt und nach seiner Weisung handelt, ist einem die Vollkommenheit des Lebens im Kṛṣṇa-Bewußtsein garantiert.

Text

mac-cittaḥ sarva-durgāṇi
mat-prasādāt tariṣyasi
atha cet tvam ahaṅkārān
na śroṣyasi vinaṅkṣyasi

Synonyms

mat — über Mich; cittaḥ — im Bewußtsein; sarva — alle; durgāṇi — Hindernisse; mat-prasādāt — durch Meine Barmherzigkeit; tariṣyasi — du wirst überwinden; atha — aber; cet — wenn; tvam — du; ahaṅkārāt — durch falsches Ego; na śroṣyasi — hörst nicht; vinaṅkṣyasi — du wirst verloren sein.

Translation

Wenn du dir über Mich bewußt wirst, wirst du durch Meine Gnade alle Hindernisse des bedingten Lebens überwinden. Wenn du jedoch nicht in diesem Bewußtsein, sondern aus falschem Ego heraus handelst und nicht auf Mich hörst, wirst du verloren sein.

Purport

ERLÄUTERUNG: Ein völlig Kṛṣṇa-bewußter Mensch ist nicht übermäßig ängstlich bemüht, die Pflichten seines Daseins zu erfüllen. Törichte Menschen können diese große Freiheit von allen Ängsten und Sorgen nicht verstehen. Für jemanden, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, wird Kṛṣṇa zum vertrautesten Freund. Kṛṣṇa ist immer um das Wohl Seines Freundes besorgt, und Er schenkt Sich diesem Freund, der mit so viel Hingabe vierundzwanzig Stunden am Tag arbeitet, um Ihn zu erfreuen. Deshalb sollte sich niemand vom falschen Ego der körperlichen Lebensauffassung wegtragen lassen. Man sollte nicht fälschlich denken, man sei von den Gesetzen der materiellen Natur unabhängig oder könne nach Belieben handeln. Der Mensch ist bereits den strengen materiellen Gesetzen unterworfen. Doch sobald er im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, wird er frei, und seine materiellen Verwirrungen finden ein Ende. Man sollte sehr sorgsam zur Kenntnis nehmen, daß sich jeder, der nicht im Kṛṣṇa- Bewußtsein tätig ist, im materiellen Strudel, im Ozean von Geburt und Tod, verliert. Keine bedingte Seele weiß tatsächlich, was getan werden muß und was nicht getan werden darf; doch jemand, der im Kṛṣṇa- Bewußtsein handelt, besitzt wahre Handlungsfreiheit, denn ihm wird alles von Kṛṣṇa vom Innern her eingegeben und vom spirituellen Meister bestätigt.

Text

yad ahaṅkāram āśritya
na yotsya iti manyase
mithyaiṣa vyavasāyas te
prakṛtis tvāṁ niyokṣyati

Synonyms

yat — wenn; ahaṅkāram — beim falschen Ego; āśritya — Zuflucht suchend; na yotsye — ich werde nicht kämpfen; iti — so; manyase — du denkst; mithyā eṣaḥ — dies ist alles falsch; vyavasāyaḥ — Entschlossenheit; te — deine; prakṛtiḥ — materielle Natur; tvām — dich; niyokṣyati — wird beschäftigen.

Translation

Wenn du nicht Meiner Anweisung gemäß handelst und nicht kämpfst, wirst du in die Irre gehen. Es ist deine Natur, daß du kämpfen mußt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Arjuna war ein Krieger und hatte von Geburt an das Wesen eines kṣatriya. Deshalb war es seine natürliche Pflicht zu kämpfen. Doch aufgrund von falschem Ego befürchtete er, sündhafte Reaktionen auf sich zu laden, wenn er seinen Lehrer, seinen Großvater und seine Freunde tötete. Er hielt sich selbst für den Herrn seiner Handlungen, als ob er ihre guten und schlechten Ergebnisse bestimmen würde. Er vergaß, daß die Höchste Persönlichkeit Gottes vor ihm stand und ihm die Anweisung gab zu kämpfen. Das ist die Vergeßlichkeit der bedingten Seele. Die Höchste Persönlichkeit Gottes lehrt uns, was gut und was schlecht ist, und man braucht nur im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln, um die Vollkommenheit des Lebens zu erreichen. Niemand kennt sein Schicksal, doch der Höchste Herr kennt das Schicksal aller. Deshalb ist es das beste, sich vom Höchsten Herrn unterweisen zu lassen und dementsprechend zu handeln. Niemand sollte die Anordnung der Höchsten Persönlichkeit Gottes oder die Anordnung des spirituellen Meisters, der der Stellvertreter Gottes ist, mißachten. Man sollte der Anordnung der Höchsten Persönlichkeit Gottes ohne Zögern nachkommen; so bleibt man unter allen Umständen in Sicherheit.

Text

svabhāva-jena kaunteya
nibaddhaḥ svena karmaṇā
kartuṁ necchasi yan mohāt
kariṣyasy avaśo ’pi tat

Synonyms

svabhāva-jena — aus deiner eigenen Natur geboren; kaunteya — o Sohn Kuntīs; nibaddhaḥ — bedingt; svena — durch deine eigenen; karmaṇā — Tätigkeiten; kartum — zu tun; na — nicht; icchasi — du möchtest; yat — das, was; mohāt — durch Illusion; kariṣyasi — du wirst tun; avaśaḥ — unfreiwillig; api — sogar; tat — dies.

Translation

Aufgrund von Illusion weigerst du dich jetzt, Meiner Anweisung gemäß zu handeln. Doch gezwungen durch die Handlungsweise, die deiner eigenen Natur entspringt, wirst du dennoch genau auf dieselbe Weise handeln, o Sohn Kuntīs.

Purport

ERLÄUTERUNG: Wenn man sich weigert, nach der Weisung des Höchsten Herrn zu handeln, ist man gezwungen, gemäß den Erscheinungsweisen, von denen man beeinflußt wird, zu handeln. Jeder befindet sich im Banne einer bestimmten Verbindung der Erscheinungsweisen der Natur und handelt dementsprechend. Doch jeder, der sich freiwillig der Führung des Höchsten Herrn anvertraut, wird ruhmreich.

Text

īśvaraḥ sarva-bhūtānāṁ
hṛd-deśe ’rjuna tiṣṭhati
bhrāmayan sarva-bhūtāni
yantrārūḍhāni māyayā

Synonyms

īśvaraḥ — der Höchste Herr; sarva-bhūtānām — aller Lebewesen; hṛt- deśe — im Herzen befindlich; arjuna — o Arjuna; tiṣṭhati — weilt; bhrāmayan — veranlassend zu reisen; sarva-bhūtāni — alle Lebewesen; yantra — auf einer Maschine; ārūḍhani — sich befindend; māyayā — unter dem Einfluß der materiellen Energie.

Translation

Der Höchste Herr weilt im Herzen eines jeden, o Arjuna, und lenkt die Wege aller Lebewesen, die sich auf einer Maschine befinden, die aus materieller Energie besteht.

Purport

ERLÄUTERUNG: Arjuna war nicht allwissend, und seine Entscheidung, zu kämpfen oder nicht zu kämpfen, war daher auf seine begrenzte Sicht beschränkt. Śrī Kṛṣṇa erklärte, daß das individuelle Lebewesen nicht das ein und alles ist. Die Höchste Persönlichkeit Gottes, das heißt Er Selbst, Kṛṣṇa, befindet Sich als lokalisierte Überseele im Herzen und lenkt das Lebewesen. Nachdem das Lebewesen den Körper gewechselt hat, vergißt es seine vergangenen Taten, doch die Überseele bleibt als Kenner von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Zeuge all seiner Tätigkeiten. Deshalb befinden sich alle Tätigkeiten der Lebewesen unter der Führung der Überseele. Das Lebewesen bekommt, was es verdient, und wird von einem materiellen Körper getragen, der unter der Anweisung der Überseele von der materiellen Energie geschaffen wird. Sobald ein Lebewesen in einen bestimmten Körper gesetzt wird, ist es gezwungen, im Banne dieser körperlichen Bedingungen zu handeln. Wer in einem schnellen Wagen sitzt, fährt schneller als jemand, der in einem langsameren sitzt, obwohl die Lebewesen, die Fahrer, gleich sind. Die materielle Natur fertigt nach der Anweisung der Höchsten Seele einem bestimmten Lebewesen einen bestimmten Körper an, so daß es seinen vergangenen Wünschen gemäß handeln kann. Das Lebewesen ist nicht unabhängig. Man sollte nicht denken, man sei von der Höchsten Persönlichkeit Gottes unabhängig. Das Individuum untersteht immer der Herrschaft des Herrn. Deshalb ist es die Pflicht des Individuums, sich zu ergeben, und so lautet auch die Unterweisung des nächsten Verses.

Text

tam eva śaraṇaṁ gaccha
sarva-bhāvena bhārata
tat-prasādāt parāṁ śāntiṁ
sthānaṁ prāpsyasi śāśvatam

Synonyms

tam — Ihm; eva — gewiß; śaraṇam gaccha — ergib dich; sarva-bhāvena — in jeder Hinsicht; bhārata — o Nachkomme Bharatas; tat-prasādāt — durch Seine Gnade; parām — transzendentalen; śāntim — Frieden; sthānam — das Reich; prāpsyasi — du wirst erlangen; śāśvatam — ewig.

Translation

O Nachkomme Bharatas, ergib dich Ihm ohne Vorbehalt. Durch Seine Gnade wirst du transzendentalen Frieden und das höchste, ewige Reich erlangen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Das Lebewesen sollte sich deshalb der Höchsten Persönlichkeit Gottes ergeben, die Sich im Herzen eines jeden befindet, und auf diese Weise wird es von allen Leiden des materiellen Daseins frei werden. Durch solche Hingabe wird man nicht nur von allen Leiden des gegenwärtigen Lebens befreit, sondern man wird am Ende des Lebens auch den Höchsten Gott erreichen. Die transzendentale Welt wird in den vedischen Schriften (Ṛg Veda 1.22.20) als tad viṣṇoḥ paramaṁ padam beschrieben. Da die gesamte Schöpfung das Königreich Gottes ist, ist alles Materielle eigentlich spirituell, doch paramaṁ padam bezieht sich speziell auf das ewige Reich, das als spiritueller Himmel oder Vaikuṇṭha bezeichnet wird.

Im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-gītā heißt es: sarvasya cāhaṁ hṛdi sanniviṣṭaḥ. Der Herr befindet Sich im Herzen eines jeden. Die Empfehlung, sich der Überseele im Innern zu ergeben, bedeutet also, sich der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa, zu ergeben. Kṛṣṇa ist von Arjuna bereits als der Höchste anerkannt worden. Arjunas Aussage im Zehnten Kapitel lautete: paraṁ brahma paraṁ dhāma. Arjuna erkannte Kṛṣṇa als die Höchste Persönlichkeit Gottes und die höchste Zuflucht aller Lebewesen an, aber nicht nur aufgrund seiner eigenen Erfahrung, sondern auch, weil dies von großen Autoritäten wie Nārada, Asita, Devala und Vyāsa bestätigt wird.

Text

iti te jñānam ākhyātaṁ
guhyād guhya-taraṁ mayā
vimṛśyaitad aśeṣeṇa
yathecchasi tathā kuru

Synonyms

iti — somit; te — dir; jñānam — Wissen; ākhyātam — beschrieben; guhyāt — als vertraulich; guhya-taram — noch vertraulicher; mayā — von Mir; vimṛśya — nachdenkend; etat — darüber; aśeṣeṇa — völlig; yathā — wie; icchasi — du wünschst; tathā — dies; kuru — tue.

Translation

Somit habe Ich dir Wissen erklärt, das noch vertraulicher ist. Denke gründlich darüber nach, und tue dann, was dir beliebt.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Herr hat Arjuna bereits das Wissen über brahma-bhūta erklärt. Wer sich auf der brahma-bhūta-Stufe befindet, ist voller Freude; er klagt niemals und begehrt nichts. Das ist auf vertrauliches Wissen zurückzuführen. Kṛṣṇa offenbarte auch Wissen über die Überseele. Auch das ist Brahman-Wissen, Wissen über das Brahman, doch es ist ein höheres Wissen.

Die hier verwendeten Worte yathecchasi tathā kuru – „Tue, was dir beliebt“ – weisen darauf hin, daß Sich Gott nicht in die kleine Unabhängigkeit des Lebewesens einmischt. Der Herr hat in der Bhagavad-gītā von allen Gesichtspunkten aus erklärt, wie man sich auf höhere Stufen des Lebens erheben kann. Der beste Rat, den Arjuna bekam, lautete, sich der Überseele im Herzen zu ergeben. Durch richtige Urteilskraft sollte man sich bereitfinden, nach den Unterweisungen der Überseele zu handeln. Das wird einem helfen, fortwährend im Kṛṣṇa-Bewußtsein, der Stufe höchster Vollkommenheit des menschlichen Lebens, verankert zu sein. Arjuna bekommt direkt von der Persönlichkeit Gottes den Befehl zu kämpfen. Es ist nur im Interesse der Lebewesen, und nicht in Seinem eigenen Interesse, daß Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, sagt, man solle sich Ihm ergeben. Bevor man sich ergibt, hat man die Freiheit, sich diese Entscheidung, soweit die Intelligenz reicht, reiflich zu überlegen; das ist die beste Art und Weise, die Anweisung der Höchsten Persönlichkeit Gottes anzunehmen. Dieselbe Anweisung bekommt man auch vom spirituellen Meister, dem echten Repräsentanten Kṛṣṇas.

Text

sarva-guhyatamaṁ bhūyaḥ
śṛṇu me paramaṁ vacaḥ
iṣṭo ’si me dṛḍham iti
tato vakṣyāmi te hitam

Synonyms

sarva-guhya-tamam — das allervertraulichste; bhūyaḥ — wiederum; śṛṇu — höre; me — von Mir; paramam — die höchste; vacaḥ — Unterweisung; iṣṭaḥ asi — du bist lieb; me — Mir; dṛḍham — sehr; iti — so; tataḥ — deshalb; vakṣyāmi — Ich spreche; te — für deinen; hitam — Nutzen.

Translation

Weil du Mein geliebter Freund bist, teile Ich dir Meine höchste Unterweisung mit, das allervertraulichste Wissen. Höre dies von Mir, denn es ist zu deinem Nutzen.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Herr hat Arjuna Wissen gegeben, das vertraulich ist (Wissen über das Brahman), und Wissen, das noch vertraulicher ist (Wissen über die Überseele im Herzen eines jeden), und nun offenbart Er den vertraulichsten Teil des Wissens: Ergib dich einfach der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Am Ende des Neunten Kapitels sagte Er: man-manāḥ. „Denke immer an Mich.“ Die gleiche Anweisung wird hier wiederholt, um die Essenz der Lehren der Bhagavad-gītā zu betonen. Diese Essenz kann ein gewöhnlicher Mensch nicht verstehen, sondern nur jemand, der Kṛṣṇa tatsächlich sehr lieb ist, das heißt ein reiner Geweihter Kṛṣṇas. Dies ist die wichtigste aller Unterweisungen der vedischen Schriften. Was Kṛṣṇa in diesem Zusammenhang sagt, ist der essentiellste Teil des Wissens, und diese Unterweisung sollte nicht nur von Arjuna, sondern von allen Lebewesen ausgeführt werden.

Text

man-manā bhava mad-bhakto
mad-yājī māṁ namaskuru
mām evaiṣyasi satyaṁ te
pratijāne priyo ’si me

Synonyms

mat-manāḥ — an Mich denkend; bhava — werde; mat-bhaktaḥ — Mein Geweihter; mat-yājī — Mein Verehrer; mām — Mir; namaskuru — erweise deine Ehrerbietungen; mām — Mir; eva — gewiß; eṣyasi — du wirst kommen; satyam — wahrlich; te — dir; pratijāne — Ich verspreche; priyaḥ — lieb; asi — du bist; me — Mir.

Translation

Denke immer an Mich, werde Mein Geweihter, verehre Mich und bringe Mir deine Ehrerbietungen dar. Auf diese Weise wirst du mit Sicherheit zu Mir kommen. Ich verspreche dir dies, weil du Mein inniger Freund bist.

Purport

ERLÄUTERUNG: Dieser vertraulichste Teil des Wissens besagt, daß man ein reiner Geweihter Kṛṣṇas werden soll und daß man immer an Ihn denken und für Ihn tätig sein soll. Man sollte nicht einfach nach außen hin vorgeben zu meditieren. Vielmehr muß das Leben auf eine solche Weise geformt werden, daß man immer die Möglichkeit hat, an Kṛṣṇa zu denken. Man sollte immer auf eine solche Weise handeln, daß alle täglichen Tätigkeiten mit Kṛṣṇa verbunden sind. Man sollte sein Leben so einrichten, daß man vierundzwanzig Stunden am Tag nichts anderes tun kann, als an Kṛṣṇa zu denken. Und der Herr verspricht, daß jeder, der in solch reinem Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist, ohne Zweifel in Sein Königreich zurückkehren wird, wo man in Seine Gemeinschaft aufgenommen wird und Ihn, Kṛṣṇa, von Angesicht zu Angesicht sehen kann. Dieser vertraulichste Teil des Wissens wird Arjuna mitgeteilt, weil er Kṛṣṇas inniger Freund ist. Jeder, der Arjunas Pfad folgt, kann ebenfalls Kṛṣṇas inniger Freund werden und die gleiche Vollkommenheit wie Arjuna erreichen.

Diese Worte betonen, daß man seinen Geist auf Kṛṣṇa richten soll – das heißt auf die zweihändige Form mit der Flöte, den bläulichen Knaben mit dem bezaubernden Antlitz und mit Pfauenfedern im Haar. In der Brahma-saṁhitā und anderen Schriften kann man Beschreibungen Kṛṣṇas finden. Man sollte seinen Geist auf diese ursprüngliche Gestalt Gottes, Kṛṣṇa, richten. Man sollte seine Aufmerksamkeit nicht einmal auf andere Formen des Herrn lenken. Der Herr hat zahlreiche Formen, wie Viṣṇu, Nārāyaṇa, Rāma, Varāha usw., doch ein Gottgeweihter sollte seinen Geist auf die Form richten, die vor Arjuna gegenwärtig war. Die Konzentration des Geistes auf die Form Kṛṣṇas stellt den vertraulichsten Teil des Wissens dar, und dies wird Arjuna offenbart, weil er Kṛṣṇas liebster Freund ist.

Text

sarva-dharmān parityajya
mām ekaṁ śaraṇaṁ vraja
ahaṁ tvāṁ sarva-pāpebhyo
mokṣayiṣyāmi mā śucaḥ

Synonyms

sarva-dharmān — alle Arten von Religion; parityajya — aufgebend; mām — Mir; ekam — einzig; śaraṇam — nach Ergebung; vraja — strebe; aham — Ich; tvām — dich; sarva — allen; pāpebhyaḥ — von sündhaften Reaktionen; mokṣayiṣyāmi — werde befreien; — nicht; śucaḥ — sorge dich.

Translation

Gib alle Arten von Religion auf, und ergib dich einfach Mir. Ich werde dich von allen sündhaften Reaktionen befreien. Fürchte dich nicht.

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Herr hat verschiedene Arten von Wissen und Pfaden der Religion beschrieben – Wissen über das Höchste Brahman, Wissen über die Überseele, Wissen über die verschiedenen Klassen und Stufen des gesellschaftlichen Lebens, Wissen über den Lebensstand der Entsagung und Wissen über Loslösung, Beherrschung der Sinne und des Geistes, Meditation usw. Er hat auf vielfache Weise verschiedene Arten von Religion beschrieben. Hier nun sagt der Herr als Zusammenfassung der Bhagavad-gītā, daß Arjuna alle Vorgänge, die ihm bisher erklärt worden seien, aufgeben soll – er solle sich einfach Ihm, Kṛṣṇa, ergeben. Diese Hingabe wird Arjuna vor allen sündhaften Reaktionen bewahren, denn Kṛṣṇa verspricht persönlich, ihn zu beschützen.

Im Achten Kapitel wurde gesagt, daß nur jemand, der von allen sündhaften Reaktionen frei geworden ist, die Verehrung Śrī Kṛṣṇas aufnehmen kann. Man könnte deshalb denken, es sei unmöglich, sich zu ergeben, solange man nicht von allen sündhaften Reaktionen befreit sei. Um diese Zweifel zu klären, heißt es hier, daß sogar jemand, der nicht von allen sündhaften Reaktionen frei ist, einfach durch den Vorgang der Hingabe zu Śrī Kṛṣṇa automatisch Befreiung erlangt. Es ist nicht notwendig, große Anstrengungen zu unternehmen, um sich aus eigener Kraft von sündhaften Reaktionen zu befreien. Man sollte ohne Zögern Kṛṣṇa als den höchsten Retter aller Lebewesen annehmen, und mit Glauben und Liebe sollte man sich Ihm ergeben.

Der Vorgang, sich Kṛṣṇa zu ergeben, wird im Hari-bhakti-vilāsa (11.676) beschrieben:

ānukūlyasya saṅkalpaḥ
prātikūlyasya varjanam
rakṣiṣyatīti viśvāso
goptṛtve varaṇaṁ tathā
ātma-nikṣepa-kārpaṇye
ṣaḍ-vidhā śaraṇāgatiḥ

Gemäß dem Vorgang der Hingabe sollte man nur solche religiösen Prinzipien annehmen, die einen letztlich zum hingebungsvollen Dienst des Herrn führen. Man kann zwar entsprechend seiner Stellung in der gesellschaftlichen Ordnung bestimmte soziale Pflichten erfüllen, doch wenn man durch die Erfüllung seiner Pflicht nicht zum Punkt des Kṛṣṇa- Bewußtseins kommt, waren alle Tätigkeiten umsonst. Alles, was nicht zur vollkommenen Stufe des Kṛṣṇa-Bewußtseins führt, sollte vermieden werden. Man sollte darauf vertrauen, daß Kṛṣṇa einen unter allen Umständen vor jeglichen Schwierigkeiten beschützen wird. Es ist nicht notwendig, sich zu überlegen, wie man Körper und Seele zusammenhalten soll. Kṛṣṇa wird Sich darum kümmern. Man sollte sich immer als hilflos sehen und sich darüber bewußt sein, daß Kṛṣṇa die einzige Grundlage für den Fortschritt ist, den man im Leben macht. Wenn man sich ernsthaft im hingebungsvollen Dienst des Herrn, in vollem Kṛṣṇa- Bewußtsein, beschäftigt, wird man sogleich von aller Verunreinigung des materiellen Daseins befreit. Es gibt verschiedene Vorgänge der Religion und der Läuterung, wie zum Beispiel die Kultivierung von Wissen, Meditation im mystischen yoga-System usw., doch jemand, der sich Kṛṣṇa ergibt, braucht nicht so viele Vorgänge auszuführen. Einfach dadurch, daß man sich Kṛṣṇa ergibt, wird man davor bewahrt, seine Zeit unnötig zu verschwenden. Auf diese Weise kann man allen Fortschritt auf einmal machen und von allen sündhaften Reaktionen befreit werden.

Man sollte sich zu der schönen Erscheinung Kṛṣṇas hingezogen fühlen. Sein Name ist Kṛṣṇa, weil Er allanziehend ist. Wenn jemand Anhaftung an die wunderschöne, allmächtige und allgewaltige Erscheinung Kṛṣṇas entwickelt, ist er glücklich zu schätzen. Es gibt verschiedene Arten von Transzendentalisten – einige sind der unpersönlichen Brahman-Erkenntnis zugetan, einige dem Aspekt der Überseele, usw. –, doch derjenige, der sich zum persönlichen Aspekt der Höchsten Persönlichkeit Gottes hingezogen fühlt, und vor allem derjenige, der sich zur Höchsten Persönlichkeit Gottes in Ihrer ursprünglichen Gestalt als Kṛṣṇa hingezogen fühlt, ist der vollkommenste Transzendentalist. Mit anderen Worten, hingebungsvoller Dienst für Kṛṣṇa, mit vollem Bewußtsein ausgeführt, ist der vertraulichste Teil des Wissens, und dies ist die Essenz der gesamten Bhagavad-gītā. Karma-yogīs, empirische Philosophen, Mystiker und Gottgeweihte werden alle als Transzendentalisten bezeichnet, doch ein reiner Gottgeweihter ist von allen der beste. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die Worte mā śucaḥ („Fürchte dich nicht, zögere nicht, mach dir keine Sorgen“) von Bedeutung. Man mag verwirrt sein und sich fragen, wie es möglich sein soll, alle verschiedenen Arten von Religion aufzugeben, um sich einfach Kṛṣṇa zu ergeben, doch solche Sorgen sind unnötig.

Text

idaṁ te nātapaskāya
nābhaktāya kadācana
na cāśuśrūṣave vācyaṁ
na ca māṁ yo ’bhyasūyati

Synonyms

idam — dieses; te — von dir; na — niemals; atapaskāya — jemandem, der nicht entsagt ist; na — niemals; abhaktāya — jemandem, der kein Gottgeweihter ist; kadācana — zu irgendeiner Zeit; na — niemals; ca — auch; aśuśrūṣave — jemandem, der nicht im hingebungsvollen Dienst beschäftigt ist; vācyam — gesprochen werden; na — niemals; ca — auch; mām — auf Mich; yaḥ — jemand, der; abhyasūyati — ist neidisch.

Translation

Dieses vertrauliche Wissen darf niemals denen erklärt werden, die nicht entsagt, nicht hingegeben und nicht im hingebungsvollen Dienst tätig sind oder Mich beneiden.

Purport

ERLÄUTERUNG: Jenen Menschen, die nicht die Entsagungen des Pfades der Religion auf sich genommen haben, die niemals versucht haben, sich im hingebungsvollen Dienst, dem Kṛṣṇa-Bewußtsein, zu beschäftigen, und die nie einem reinen Gottgeweihten dienten, und insbesondere denen, die Kṛṣṇa nur für eine historische Persönlichkeit halten oder auf die Größe Kṛṣṇas neidisch sind, sollte dieser vertraulichste Teil des Wissens nicht mitgeteilt werden. Manchmal jedoch kommt es vor, daß dämonische Menschen, die Kṛṣṇa beneiden und Ihn auf unauthentische Art und Weise verehren, es sich sogar zum Beruf machen, die Bhagavad-gītā zu erklären – gemäß ihren eigenen Vorstellungen und mit dem Ziel, sich zu bereichern –, doch jeder, der sich aufrichtig wünscht, Kṛṣṇa zu verstehen, muß solche Kommentare zur Bhagavad-gītā meiden. Die Bedeutung der Bhagavad-gītā ist für Menschen auf der sinnlichen Ebene unverständlich. Doch selbst wenn man sich nicht auf der Ebene der Sinne befindet, sondern streng den Regeln folgt, die in den vedischen Schriften beschrieben werden, kann man Kṛṣṇa nicht verstehen, wenn man kein Gottgeweihter ist. Und selbst wenn man sich für einen Geweihten Kṛṣṇas ausgibt, aber nicht Kṛṣṇa- bewußten Tätigkeiten nachgeht, kann man Kṛṣṇa nicht verstehen. Es gibt viele Menschen, die Kṛṣṇa beneiden, weil Er in der Bhagavad- gītā erklärt, daß Er der Höchste ist und daß niemand über Ihm steht oder Ihm gleichkommt. Auf diese Weise gibt es viele Menschen, die auf Kṛṣṇa neidisch sind. Solchen Menschen sollte man nichts von der Bhagavad-gītā erzählen, denn sie können nichts davon verstehen. Menschen ohne Glauben haben keine Möglichkeit, die Bhagavad-gītā oder Kṛṣṇa zu verstehen. Ohne Kṛṣṇa durch die Autorität eines reinen Gottgeweihten zu verstehen, sollte man nicht versuchen, die Bhagavad-gītā zu kommentieren.

Text

ya idaṁ paramaṁ guhyaṁ
mad-bhakteṣv abhidhāsyati
bhaktiṁ mayi parāṁ kṛtvā
mām evaiṣyaty asaṁśayaḥ

Synonyms

yaḥ — jemand, der; idam — dieses; paramam — höchst; guhyam — vertrauliches Geheimnis; mat — von Mir; bhakteṣu — unter den Gottgeweihten; abhidhāsyati — erklärt; bhaktim — hingebungsvollen Dienst; mayi — zu Mir; parām — transzendental; kṛtvā — ausführend; mām — zu Mir; eva — gewiß; eṣyati — kommt; asaṁśayaḥ — ohne Zweifel.

Translation

Demjenigen, der dieses höchste Geheimnis den Gottgeweihten erklärt, ist reiner hingebungsvoller Dienst garantiert, und am Ende wird er zu Mir zurückkehren.

Purport

ERLÄUTERUNG: Im allgemeinen wird dazu geraten, die Bhagavad- gītā nur unter Gottgeweihten zu erörtern, denn diejenigen, die keine Gottgeweihten sind, werden weder Kṛṣṇa noch die Bhagavad-gītā verstehen. Diejenigen, die Kṛṣṇa, wie Er ist, und die Bhagavad-gītā, wie sie ist, nicht akzeptieren, sollten nicht versuchen, die Bhagavad-gītā nach ihren Launen zu erklären, wodurch sie nur Vergehen auf sich laden. Die Bhagavad-gītā sollte denen erklärt werden, die bereit sind, Kṛṣṇa als die Höchste Persönlichkeit Gottes anzuerkennen. Die Bhagavad-gītā ist nur für Gottgeweihte bestimmt, und nicht für philosophische Spekulanten. Doch jeder, der ernsthaft versucht, die Bhagavad-gītā so zu präsentieren, wie sie ist, wird im hingebungsvollen Dienst Fortschritt machen und die Lebensstufe reiner Hingabe erreichen. Als Ergebnis solch reiner Hingabe wird er mit Sicherheit nach Hause, zu Gott, zurückkehren.

Text

na ca tasmān manuṣyeṣu
kaścin me priya-kṛttamaḥ
bhavitā na ca me tasmād
anyaḥ priya-taro bhuvi

Synonyms

na — niemals; ca — und; tasmāt — als er; manuṣyeṣu — unter den Menschen; kaścit — jemand; me — Mir; priya-kṛt-tamaḥ — lieber; bhavitā — wird werden; na — weder; ca — und; me — Mir; tasmāt — als er; anyaḥ — ein anderer; priya-taraḥ — lieber; bhuvi — auf dieser Welt.

Translation

Kein Diener auf dieser Welt ist Mir lieber als er, und niemals wird Mir einer lieber sein.

Text

adhyeṣyate ca ya imaṁ
dharmyaṁ saṁvādam āvayoḥ
jñāna-yajñena tenāham
iṣṭaḥ syām iti me matiḥ

Synonyms

adhyeṣyate — wird studieren; ca — auch; yaḥ — er, der; imam — dieses; dharmyam — heilige; saṁvādam — Gespräch; āvayoḥ — zwischen uns; jñāna — des Wissens; yajñena — durch das Opfer; tena — von ihm; aham — Ich; iṣṭaḥ — verehrt; syām — werde sein; iti — so; me — Meine; matiḥ — Meinung.

Translation

Und Ich erkläre, daß derjenige, der dieses unser heiliges Gespräch studiert, Mich mit seiner Intelligenz verehrt.

Text

śraddhāvān anasūyaś ca
śṛṇuyād api yo naraḥ
so ’pi muktaḥ śubhāḻ lokān
prāpnuyāt puṇya-karmaṇām

Synonyms

śraddhā-vān — gläubig; anasūyaḥ — nicht neidisch; ca — und; śṛṇuyāt — hört; api — gewiß; yaḥ — der; naraḥ — ein Mensch; saḥ — er; api — auch; muktaḥ — befreit; śubhān — die glückverheißenden; lokān — Planeten; prāpnuyāt — er erreicht; puṇya-karmaṇām — der Frommen.

Translation

Und jemand, der mit Glauben und ohne Neid zuhört, wird von allen sündhaften Reaktionen frei und erreicht die glückverheißenden Planeten, auf denen die Frommen leben.

Purport

ERLÄUTERUNG: Im siebenundsechzigsten Vers dieses Kapitels hat es der Herr ausdrücklich verboten, die Gītā Menschen zu verkünden, die Ihn beneiden. Mit anderen Worten, die Bhagavad-gītā ist nur für die Gottgeweihten bestimmt. Aber manchmal kommt es vor, daß ein Geweihter des Herrn eine öffentliche Vorlesung hält, und bei einer solchen Vorlesung kann man nicht erwarten, daß alle Zuhörer Gottgeweihte sind. Warum halten sie dann öffentliche Vorlesungen? Wie in diesem Vers erklärt wird, ist zwar nicht jeder ein Gottgeweihter, aber trotzdem gibt es viele Menschen, die Kṛṣṇa nicht beneiden. Sie glauben an Ihn als die Höchste Persönlichkeit Gottes. Wenn solche Menschen von einem echten Gottgeweihten über den Herrn hören, ist das Ergebnis, daß sie sogleich von allen sündhaften Reaktionen frei werden, und in der Folge werden sie auf das Planetensystem erhoben, wo alle Frommen leben. Deshalb kann sogar jemand, der nicht versucht, ein reiner Gottgeweihter zu werden, einfach dadurch, daß er aus der Bhagavad-gītā hört, das Ergebnis frommer Tätigkeiten bekommen. Ein reiner Gottgeweihter gibt also jedem die Möglichkeit, sich von allen sündhaften Reaktionen zu befreien und ein Gottgeweihter zu werden.

Denjenigen, die von sündhaften Reaktionen frei sind, das heißt rechtschaffenen Menschen, fällt es im allgemeinen leicht, sich dem Kṛṣṇa-Bewußtsein zuzuwenden. Hier ist das Wort puṇya-karmaṇām sehr bedeutsam. Es bezieht sich auf die Darbringung großer Opfer, die in den vedischen Schriften erwähnt werden, wie den aśvamedha-yajña. Diejenigen, die in der Ausübung hingebungsvollen Dienstes rechtschaffen, aber nicht rein sind, können das Planetensystem des Polarsterns, Dhruvaloka, erreichen, das von Dhruva Mahārāja beherrscht wird. Dhruva Mahārāja ist ein großer Geweihter des Herrn, und er residiert auf diesem besonderen Planeten, der Polarstern genannt wird.

Text

kaccid etac chrutaṁ pārtha
tvayaikāgreṇa cetasā
kaccid ajñāna-sammohaḥ
praṇaṣṭas te dhanañ-jaya

Synonyms

kaccit — ob; etat — dies; śrutam — gehört; pārtha — o Sohn Pṛthās; tvayā — von dir; eka-agreṇa — mit voller Aufmerksamkeit; cetasā — mit dem Geist; kaccit — ob; ajñāna — der Unwissenheit; sammohaḥ — die Illusion; praṇaṣṭaḥ — beseitigt; te — von dir; dhanam-jaya — o Eroberer von Reichtum (Arjuna).

Translation

O Sohn Pṛthās, o Eroberer von Reichtum, hast du all dies mit wachem Geist vernommen? Sind deine Unwissenheit und deine Illusionen nun von dir gewichen?

Purport

ERLÄUTERUNG: Der Herr handelte als spiritueller Meister Arjunas. Deshalb war es Seine Pflicht, Arjuna zu fragen, ob er die ganze Bhagavad-gītā richtig verstanden hatte. Wenn nicht, war Er bereit, jeden beliebigen Punkt oder nötigenfalls sogar die ganze Bhagavad-gītā noch einmal zu erklären. Aber jeder, der die Bhagavad-gītā von einem echten spirituellen Meister wie Kṛṣṇa oder dessen Stellvertreter hört, wird feststellen, daß seine ganze Unwissenheit von ihm weicht. Die Bhagavad-gītā ist kein gewöhnliches Buch, das von irgendeinem Dichter oder Schriftsteller verfaßt wurde; sie wurde von der Höchsten Persönlichkeit Gottes gesprochen. Jeder, der das Glück hat, diese Lehren von Kṛṣṇa oder Seinem echten spirituellen Stellvertreter zu hören, wird mit Sicherheit Befreiung erlangen und der Dunkelheit der Unwissenheit entkommen.

Text

arjuna uvāca
naṣṭo mohaḥ smṛtir labdhā
tvat-prasādān mayācyuta
sthito ’smi gata-sandehaḥ
kariṣye vacanaṁ tava

Synonyms

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; naṣṭaḥ — vertrieben; mohaḥ — Illusion; smṛtiḥ — Erinnerung; labdhā — wiedergewonnen; tvat-prasādāt — durch Deine Barmherzigkeit; mayā — von mir; acyuta — o unfehlbarer Kṛṣṇa; sthitaḥ — gefestigt; asmi — ich bin; gata — beseitigt; sandehaḥ — alle Zweifel; kariṣye — ich werde ausführen; vacanam — Anweisung; tava — Deine.

Translation

Arjuna sagte: Mein lieber Kṛṣṇa, o Unfehlbarer, meine Illusion ist jetzt vergangen. Durch Deine Barmherzigkeit habe ich meine Erinnerung zurückgewonnen. Ich bin nun gefestigt und frei von Zweifeln, und ich bin bereit, nach Deinen Anweisungen zu handeln.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die wesensgemäße Stellung des Lebewesens, wie es von Arjuna repräsentiert wird, besteht darin, daß es gemäß der Anweisung des Höchsten Herrn handeln muß. Es ist dafür bestimmt, sich Selbstdisziplin aufzuerlegen. Śrī Caitanya Mahāprabhu sagt, daß die wirkliche Position des Lebewesens darin besteht, der ewige Diener des Höchsten Herrn zu sein. Weil das Lebewesen dieses Prinzip vergißt, wird es von der materiellen Natur bedingt; doch wenn es dem Höchsten Herrn dient, wird es der befreite Diener Gottes. Es ist die wesensgemäße Position des Lebewesens, Diener zu sein; es muß entweder der illusionierenden māyā oder dem Höchsten Herrn dienen. Wenn es dem Höchsten Herrn dient, befindet es sich in seinem normalen Zustand, doch wenn es lieber der illusionierenden äußeren Energie dient, wird es mit Gewißheit in Knechtschaft leben. In Illusion dient das Lebewesen in der materiellen Welt. Es ist von Lust und materiellen Wünschen gebunden, und trotzdem hält es sich für den Herrn der Welt. Das nennt man Illusion. Im befreiten Zustand jedoch weicht die Illusion vom Menschen, und er ergibt sich freiwillig dem Höchsten, um Seinen Wünschen gemäß zu handeln. Die letzte Illusion, die letzte Schlinge māyās, um das Lebewesen zu fangen, ist die Vorstellung, selbst Gott zu sein. Das Lebewesen glaubt, es sei nicht mehr eine bedingte Seele, sondern Gott. Es ist so unintelligent, daß es sich nicht fragt, wie es möglich sein kann, daß das Lebewesen, wenn es Gott ist, Zweifel haben kann. Auf diesen Gedanken kommt es nicht. Dies also ist die letzte Falle der Illusion. Von der illusionierenden Energie tatsächlich frei zu werden bedeutet, Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, zu verstehen und bereit zu sein, nach Seiner Anweisung zu handeln.

Das Wort moha ist in diesem Vers sehr bedeutsam. Moha bezieht sich auf das Gegenteil von Wissen. Wahres Wissen bedeutet zu verstehen, daß jedes Lebewesen ewig der Diener des Herrn ist. Doch statt sich in dieser Position als Diener zu sehen, sieht sich das Lebewesen als Herr über die materielle Natur, denn es möchte die materielle Natur beherrschen. Das ist seine Illusion. Diese Illusion kann durch die Barmherzigkeit des Herrn bzw. die Barmherzigkeit eines reinen Gottgeweihten überwunden werden. Wenn diese Illusion von einem gewichen ist, erklärt man sich bereit, im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln.

Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet, nach Kṛṣṇas Anweisung zu handeln. Eine bedingte Seele, die durch die äußere Energie, die Materie, in Illusion versetzt ist, weiß nicht, daß der Höchste Herr der Meister ist, der alles Wissen in Sich birgt und dem alles gehört. Was immer Er wünscht, kann Er Seinen Geweihten gewähren. Er ist der Freund eines jeden, und Er ist besonders Seinem Geweihten zugeneigt. Er ist der Gebieter der materiellen Natur und aller Lebewesen. Ebenso ist Er der Gebieter der unerschöpflichen Zeit, und Er birgt alle Reichtümer und Kräfte in Sich. Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, kann sogar Sich Selbst Seinem Geweihten schenken. Jemand, der nichts über Ihn weiß, steht unter dem Bann der Illusion; er wird kein Diener Gottes, sondern ein Diener māyās. Arjuna jedoch wurde, nachdem er die Bhagavad-gītā von der Höchsten Persönlichkeit Gottes gehört hatte, von aller Illusion befreit. Er erkannte, daß Kṛṣṇa nicht nur sein Freund, sondern auch die Höchste Persönlichkeit Gottes war. Und er verstand Kṛṣṇa tatsächlich, wie Er ist. Die Bhagavad-gītā zu studieren bedeutet also, Kṛṣṇa so zu verstehen, wie Er ist. Wenn ein Mensch vollkommenes Wissen besitzt, ist es natürlich, daß er sich Kṛṣṇa ergibt. Als Arjuna erkannte, daß es Kṛṣṇas Plan war, das unnötige Anwachsen der Bevölkerung zu vermindern, erklärte er sich bereit, Kṛṣṇas Wunsch nachzukommen und zu kämpfen. Er nahm seine Waffen – seine Pfeile und seinen Bogen – wieder auf, um unter dem Befehl der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu kämpfen.

Text

sañjaya uvāca
ity ahaṁ vāsudevasya
pārthasya ca mahātmanaḥ
saṁvādam imam aśrauṣam
adbhutaṁ roma-harṣaṇam

Synonyms

sañjayaḥ uvāca — Sañjaya sagte; iti — somit; aham — ich; vāsudevasya — von Kṛṣṇa; pārthasya — und Arjuna; ca — auch; mahā-ātmanaḥ — der großen Seele; saṁvādam — Gespräch; imam — dieses; aśrauṣam — habe gehört; adbhutam — wunderbar; roma-harṣaṇam — Haarsträuben verursachend.

Translation

Sañjaya sprach: Somit hörte ich das Gespräch der beiden großen Seelen, Kṛṣṇa und Arjuna. Und so wunderbar ist diese Botschaft, daß sich mir die Haare sträuben.

Purport

ERLÄUTERUNG: Zu Beginn der Bhagavad-gītā fragte Dhṛtarāṣṭra seinen Sekretär Sañjaya: „Was geschah auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra?“ Die ganze Szene wurde dem Herzen Sañjayas durch die Barmherzigkeit Vyāsas, seines spirituellen Meisters, offenbart, und so konnte er die Ereignisse auf dem Schlachtfeld schildern. Dieses Gespräch war wunderbar, weil noch nie zuvor zwei große Seelen ein solch wichtiges Gespräch geführt hatten und weil auch niemals wieder ein solch wichtiges Gespräch stattfinden würde. Dieses Gespräch war wunderbar, weil Sich darin der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, an das Lebewesen, Arjuna, einen großen Gottgeweihten, wandte und über Sich Selbst und Seine Energien sprach. Wenn wir in unseren Bemühungen, Kṛṣṇa zu verstehen, dem Beispiel Arjunas folgen, wird unser Leben glücklich und erfolgreich sein. Sañjaya erkannte dies, und während er Dhṛtarāṣṭra das Gespräch mitteilte, wurde es ihm immer klarer. Nun gelangt er zur Schlußfolgerung: Überall, wo Kṛṣṇa und Arjuna gegenwärtig sind, ist auch Sieg zu finden.

Text

vyāsa-prasādāc chrutavān
etad guhyam ahaṁ param
yogaṁ yogeśvarāt kṛṣṇāt
sākṣāt kathayataḥ svayam

Synonyms

vyāsa-prasādāt — durch die Barmherzigkeit Vyāsadevas; śrutavān — habe gehört; etat — dies; guhyam — vertraulich; aham — ich; param — die höchste; yogam — Mystik; yoga-īśvarāt — vom Meister aller Mystik; kṛṣṇāt — von Kṛṣṇa; sākṣāt — direkt; kathayataḥ — sprechend; svayam — persönlich.

Translation

Durch die Barmherzigkeit Vyāsas habe ich dieses höchst vertrauliche Gespräch direkt vom Meister aller Mystik, Kṛṣṇa, gehört, der persönlich zu Arjuna sprach.

Purport

ERLÄUTERUNG: Vyāsa war der spirituelle Meister Sañjayas, und Sañjaya erklärt, daß er nur durch die Barmherzigkeit Vyāsas die Höchste Persönlichkeit Gottes verstehen konnte. Dies bedeutet, daß man Kṛṣṇa nicht direkt verstehen kann, sondern nur durch das Medium des spirituellen Meisters. Der spirituelle Meister ist das transparente Medium, doch dies bedeutet nicht, daß die Erfahrung des Schülers nicht direkt ist. Dies ist das Mysterium der Schülernachfolge. Wenn der spirituelle Meister echt ist, kann man, wie Arjuna, die Bhagavad-gītā direkt hören. Es gibt überall auf der Welt viele Mystiker und yogīs, doch Kṛṣṇa ist der Meister aller yoga-Systeme. Kṛṣṇas Unterweisung in der Bhagavad-gītā ist deutlich – man muß sich Kṛṣṇa ergeben. Wer dies tut, ist der höchste yogī. Dies wird im letzten Vers des Sechsten Kapitels bestätigt: yoginām api sarveṣām.

Nārada ist der direkte Schüler Kṛṣṇas und der spirituelle Meister Vyāsas. Deshalb ist Vyāsa genauso autorisiert wie Arjuna, denn er befindet sich in der Schülernachfolge, und Sañjaya ist der direkte Schüler Vyāsas. Durch die Gnade Vyāsas wurden Sañjayas Sinne geläutert, und er konnte Kṛṣṇa direkt sehen und hören. Jemand, der Kṛṣṇa direkt hört, kann dieses vertrauliche Wissen verstehen. Wenn sich jemand nicht an die Schülernachfolge wendet, kann er Kṛṣṇa nicht verstehen; deshalb bleibt sein Wissen immer unvollkommen, zumindest was das Verständnis der Bhagavad-gītā betrifft.

In der Bhagavad-gītā werden alle yoga-Systeme erklärt – karma-yoga, jñāna-yoga und bhakti-yoga. Kṛṣṇa ist der Meister all dieser Arten von Mystik, und Arjuna hatte das große Glück, Kṛṣṇa direkt zu verstehen. Aber wie aus diesem Vers hervorgeht, war auch Sañjaya, durch die Gnade Vyāsas, imstande, direkt von Kṛṣṇa zu hören. Im Grunde genommen macht es keinen Unterschied, ob man direkt von Kṛṣṇa oder direkt von einem echten spirituellen Meister wie Vyāsa über Kṛṣṇa hört. Der spirituelle Meister ist auch der Stellvertreter Vyāsadevas. Deshalb feiern die Schüler am Geburtstag des spirituellen Meisters gemäß dem vedischen Brauch eine Zeremonie, die man Vyāsa-pūjā nennt.

Text

rājan saṁsmṛtya saṁsmṛtya
saṁvādam imam adbhutam
keśavārjunayoḥ puṇyaṁ
hṛṣyāmi ca muhur muhuḥ

Synonyms

rājan — o König; saṁsmṛtya — mich erinnernd; saṁsmṛtya — mich erinnernd; saṁvādam — Botschaft; imam — diese; adbhutam — wunderbare; keśava — von Śrī Kṛṣṇa; arjunayoḥ — und Arjuna; puṇyam — fromme; hṛṣyāmi — ich erfahre Freude; ca — auch; muhuḥ muhuḥ — immer wieder.

Translation

O König, indem ich mich immer wieder an dieses wunderbare und heilige Gespräch zwischen Kṛṣṇa und Arjuna erinnere, erbebe ich jeden Augenblick vor Freude.

Purport

ERLÄUTERUNG: Das Verstehen der Bhagavad-gītā ist so transzendental, daß jeder, der über die Themen bezüglich Arjuna und Kṛṣṇa Wissen entwickelt, rechtschaffen wird und ihr Gespräch nicht mehr vergessen kann. Das ist die transzendentale Natur des spirituellen Lebens. Mit anderen Worten, jeder, der die Gītā aus der richtigen Quelle hört, nämlich direkt von Kṛṣṇa, erlangt völliges Kṛṣṇa-Bewußtsein. Das Ergebnis des Kṛṣṇa-Bewußtseins ist, daß man in zunehmendem Maße erleuchtet wird und so das Leben in jedem Augenblick, und nicht nur kurze Zeit, voller Freude genießt.

Text

tac ca saṁsmṛtya saṁsmṛtya
rūpam aty-adbhutaṁ hareḥ
vismayo me mahān rājan
hṛṣyāmi ca punaḥ punaḥ

Synonyms

tat — dies; ca — auch; saṁsmṛtya — mich erinnernd; saṁsmṛtya — mich erinnernd; rūpam — Form; ati — sehr; adbhutam — wunderbar; hareḥ — Śrī Kṛṣṇas; vismayaḥ — Erstaunen; me — mein; mahān — groß; rājan — o König; hṛṣyāmi — ich genieße; ca — auch; punaḥ punaḥ — wieder und wieder.

Translation

O König, wenn ich mich an die wunderbare Form Śrī Kṛṣṇas erinnere, überwältigt mich immer größeres Erstaunen, und ich erfahre ständig neue Freude.

Purport

ERLÄUTERUNG: Aus diesem Vers geht hervor, daß durch die Gnade Vyāsas auch Sañjaya die universale Form Kṛṣṇas sehen konnte, die Arjuna offenbart wurde. Es wurde zwar gesagt, daß Kṛṣṇa diese Form niemals zuvor gezeigt hatte und daß sie nur Arjuna sehen konnte; doch als Kṛṣṇa die universale Form Arjuna offenbarte, waren auch einige andere große Gottgeweihte in der Lage, sie zu sehen, und Vyāsa war einer von ihnen. Er ist einer der großen Geweihten des Herrn, und er gilt als mächtige Inkarnation Kṛṣṇas. Vyāsa offenbarte diese Form seinem Schüler Sañjaya, der sich ständig an die wunderbare Form, die Kṛṣṇa Arjuna gezeigt hatte, erinnerte und dadurch immer wieder neue Freude erfuhr.

Text

yatra yogeśvaraḥ kṛṣṇo
yatra pārtho dhanur-dharaḥ
tatra śrīr vijayo bhūtir
dhruvā nītir matir mama

Synonyms

yatra — wo; yoga-īśvaraḥ — der Meister aller Mystik; kṛṣṇaḥ — Śrī Kṛṣṇa; yatra — wo; pārthaḥ — der Sohn Pṛthās; dhanuḥ-dharaḥ — der Träger von Bogen und Pfeilen; tatra — dort; śrīḥ — Reichtum; vijayaḥ — Sieg; bhūtiḥ — außergewöhnliche Macht; dhruvā — gewiß; nītiḥ — Moral; matiḥ mama — meine Meinung.

Translation

Überall dort, wo Kṛṣṇa, der Meister aller Mystiker, und Arjuna, der größte Bogenschütze, anwesend sind, werden gewiß auch Reichtum, Sieg, außergewöhnliche Macht und Moral zu finden sein. Das ist meine Meinung.

Purport

ERLÄUTERUNG: Die Bhagavad-gītā begann mit einer Frage Dhṛtarāṣṭras. Er hoffte auf den Sieg seiner Söhne, denen große Krieger wie Bhīṣma, Droṇa und Karṇa zur Seite standen. Er erwartete, daß der Sieg auf seiner Seite wäre. Aber nachdem Sañjaya die Lage auf dem Schlachtfeld geschildert hatte, sagte er dem König: „Du hoffst auf Sieg, doch meiner Ansicht nach sind Glück und Sieg dort zu finden, wo Kṛṣṇa und Arjuna anwesend sind.“ Damit erklärte er ganz offen, daß Dhṛtarāṣṭra für seine Seite keinen Sieg erwarten konnte. Sieg war der Seite Arjunas gewiß, da Kṛṣṇa dort gegenwärtig war. Als Kṛṣṇa freiwillig Arjunas Wagenlenker wurde, entfaltete Er dadurch eine weitere Seiner Füllen. Kṛṣṇa birgt alle Füllen in Sich, und eine dieser Füllen ist Entsagung. Es gibt viele Beispiele, wie Kṛṣṇa Seine Entsagung offenbarte, denn Er ist auch der Meister der Entsagung.

Die Schlacht von Kurukṣetra war eigentlich ein Kampf zwischen Duryodhana und Yudhiṣṭhira, und Arjuna kämpfte auf seiten seines älteren Bruders Yudhiṣṭhira. Weil Kṛṣṇa und Arjuna auf Yudhiṣṭhiras Seite standen, war diesem der Sieg gewiß. Die Schlacht sollte entscheiden, wer die Welt regieren würde, und Sañjaya prophezeite, daß die Macht Yudhiṣṭhira übertragen werde. Es wird hier ebenfalls vorausgesagt, daß sich Yudhiṣṭhira nach seinem Sieg in dieser Schlacht immer mehr entfalten werde, denn er war nicht nur rechtschaffen und fromm, sondern er war auch ein strikter Befolger der moralischen Gesetze. Niemals in seinem Leben kam eine Lüge über seine Lippen.

Es gibt viele unintelligente Menschen, die die Bhagavad-gītā nur für ein Gespräch zwischen zwei Freunden auf einem Schlachtfeld halten. Aber ein solches Buch könnte nicht als heilige Schrift gelten. Andere mögen einwenden, es sei unmoralisch, daß Kṛṣṇa Arjuna zum Kämpfen anspornte, doch wie hier klar gesagt wird, ist in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall: die Bhagavad-gītā ist die höchste moralische Unterweisung. Die höchste Unterweisung in bezug auf Moral findet man im vierunddreißigsten Vers des Neunten Kapitels: man-manā bhava mad- bhaktaḥ. Man muß ein Geweihter Kṛṣṇas werden, und die Essenz aller Religion besteht darin, sich Kṛṣṇa zu ergeben (sarva-dharmān parityajya mām ekaṁ śaraṇaṁ vraja). Die Unterweisungen der Bhagavad-gītā stellen den höchsten Vorgang von Religion und Moral dar. Alle anderen Vorgänge mögen läuternd sein und letztlich auch zu diesem Vorgang führen, doch die letzte Unterweisung der Gītā ist zugleich die höchste Unterweisung in bezug auf Moral und Religion: Hingabe zu Kṛṣṇa. Das ist die Aussage des Achtzehnten Kapitels.

Aus der Bhagavad-gītā erfahren wir, daß philosophische Spekulation und Meditation mögliche Wege zur Selbsterkenntnis sind, daß Hingabe zu Kṛṣṇa aber die höchste Vollkommenheit darstellt. Das ist die Essenz der Lehren der Bhagavad-gītā. Der Pfad der regulierenden Prinzipien gemäß den Einteilungen des gesellschaftlichen Lebens und gemäß den verschiedenen Glaubensrichtungen kann als vertraulicher Pfad des Wissens bezeichnet werden. Diese religiösen Rituale sind vertraulich, doch Meditation und Entwicklung von Wissen sind noch vertraulicher. Und Hingabe zu Kṛṣṇa durch hingebungsvollen Dienst in vollkommenem Kṛṣṇa-Bewußtsein ist die vertraulichste Unterweisung. Dies ist die Essenz des Achtzehnten Kapitels.

Ein weiterer Aspekt der Lehren der Bhagavad-gītā besteht darin, daß die letztliche Wahrheit die Höchste Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa, ist. Die Absolute Wahrheit wird in drei Aspekten erkannt: als unpersönliches Brahman, als lokalisierter Paramātmā und letztlich als die Höchste Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa. Vollkommenes Wissen über die Absolute Wahrheit bedeutet vollkommenes Wissen über Kṛṣṇa. Wenn man Kṛṣṇa versteht, sind alle anderen Wissenszweige in diesem Wissen enthalten. Kṛṣṇa ist transzendental, denn Er befindet Sich immer in Seiner ewigen inneren Energie. Die Lebewesen sind Manifestationen Seiner Energie und werden in zwei Gruppen aufgeteilt: die ewig bedingten und die ewig befreiten. Es gibt unzählige solcher Lebewesen, und sie gelten als fundamentale Teile Kṛṣṇas. Die Manifestation der materiellen Energie besteht aus vierundzwanzig Unterteilungen. Die Schöpfung wird durch die ewige Zeit bewirkt, und sie wird von der äußeren Energie geschaffen und aufgelöst. So wird die Manifestation der kosmischen Welt immer wieder sichtbar und unsichtbar.

In der Bhagavad-gītā sind fünf Hauptthemen erörtert worden: die Höchste Persönlichkeit Gottes, die materielle Natur, die Lebewesen, die ewige Zeit und die verschiedenen Arten von Tätigkeiten. All dies ist von der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa, abhängig. Alle Aspekte der Absoluten Wahrheit – das unpersönliche Brahman, der lokalisierte Paramātmā und jede andere transzendentale Verwirklichung – sind im Wissen über die Höchste Persönlichkeit Gottes mit inbegriffen. Oberflächlich betrachtet mag es so erscheinen, als seien die Höchste Persönlichkeit Gottes, die Lebewesen, die materielle Natur und die Zeit voneinander verschieden, doch in Wirklichkeit ist nichts vom Höchsten verschieden. Aber der Höchste ist immer verschieden von allem. Die Philosophie Śrī Caitanyas ist die des „unbegreiflichen Eins- und Verschiedenseins“. Dieses philosophische System stellt das vollkommene Wissen über die Absolute Wahrheit dar.

Das Lebewesen ist in seiner ursprünglichen Stellung eine reine spirituelle Seele. Es ist wie ein atomisches Teil des höchsten spirituellen Wesens. In diesem Zusammenhang kann man Śrī Kṛṣṇa mit der Sonne vergleichen und die Lebewesen mit dem Sonnenschein. Weil die Lebewesen die marginale Energie Kṛṣṇas sind, haben sie die Neigung, entweder mit der materiellen Energie oder mit der spirituellen Energie in Kontakt zu sein. Mit anderen Worten, das Lebewesen befindet sich zwischen den beiden Energien des Herrn, und weil es zur höheren Energie gehört, hat es eine winzige Unabhängigkeit. Wenn es von dieser Unabhängigkeit richtigen Gebrauch macht, kommt es unter die direkte Führung Kṛṣṇas. Auf diese Weise erlangt es seinen natürlichen Zustand in der freudespendenden Energie.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum Achtzehnten Kapitel der Śrīmad Bhagavad-gītā mit dem Titel: „Schlußfolgerung – die Vollkommenheit der Entsagung“.